Seit dem 25. April ist die Apple Watch in einigen Ländern käuflich zu erwerben. Wenn ich es richtig im Sinn habe, ist es das erste Mal, dass Deutschland gleichzeitig mit dem Verkaufsstart in den USA beginnt – bislang mussten wir immer etwas länger auf neue Produkte oder Features vom Apfelhersteller warten. So auch bei Apple Pay, aber dazu später. Hier die Einführungsvideos.

In den letzten Tagen gab es unfassbar viele Beiträge zur neuen iWatch, wie viele sie gerne analog zu den anderen Produkten iPod, iPhone und iPad nennen. Das Medienecho ist – nichts anderes war zu erwarten – enorm und nimmt nur langsam ab. Ich versuche jetzt einmal, viele wichtige (und auch viele unwichtige) Informationen in einem einzigen Eintrag zu erfassen.

Nun sind seit dem Versand der ersten Exemplare nur wenige Tage vergangen, so dass sämtliche Eindrücke der glücklichen und auch der weniger glücklichen Empfänger alle noch vom ersten und zweiten Eindruck geprägt sind. Es gibt unzählige Veröffentlichen im Stile »meine ersten 24 Stunden«, »meine ersten zwei Tage« oder »mein erstes Jogging« mit der Apple Watch. Ausreichend Material also für eine Zusammenfassung!

Ein paar Fakten zur Uhr

Die Menschheit erwartete bei der Keynote im Herbst 2014 nach der üblichen Nennung einiger Zahlen und der Präsentation eines völlig neuen iPhones eine Neuheit, denn: Es wurde bereits in sogenannten Expertenkreisen darüber diskutiert, dass Apple eine Uhr vorstellen würde. Trotzdem setzte bei den Zuschauern im Saal das Herz sicher kurz aus, als Tim Cook in alter Steve Jobs-Manier den Abend eigentlich für beendet erklärte und dann mit einer lapidaren »ach, eine Sache haben wir ja noch«-Bemerkung die Vorfreude explodieren ließ.

Nun steht fest: Die Uhr kommt in drei Varianten. Die Apple Watch, die Apple Watch Sport und die Apple Watch Edition. Die Sport-Version ist die preiswerteste und kostet mindestens 399 Euro (bei geschätzten Herstellungskosten von knapp 85 Dollar). Dem gegenüber steht die Apple Watch Edition: sie kostet maximal 18.000 Euro [sic]. Das Preisverhältnis zeigt, auf welchen Märkten Apple sich bewegen möchte: auf jedem. Die günstigste Variante ist mehr oder weniger erschwinglich, die teuerste zielt auf Großverdiener ab, die sich statt der nächsten Rolex einfach mal etwas anderes gönnen möchten und dann zur goldenen Apple-Uhr greifen.

Hier ein schönes Stop-Motion-Kunststück: »Apple Watch unboxing itself«

Technische Neuheiten

Keine Apple-Erfindung ohne die eine oder andere bahnbrechende Sensation. Eine der größten soll dabei die Digital Crown sein, dabei handelt sich um das kleine Rädchen an der Seite. Damit bedient man die Uhr, kann also hoch- und runter sowie hinein- und herauszoomen, auch auf sie drücken und… Moment, es ist nicht das erste Mal, dass jemand eine Uhr am Handgelenk trägt, die einen kleinen, drehbaren Knopf besitzt. Trotzdem hält Apple dieses fummelige Ding für ein großartiges, neues Eingabeinstrument. Ich persönlich finde die anderen besser.

Beim Force Touch haben sie sich richtig was einfallen lassen: Wegen Platzmangels verzichtet die Uhr auf Leisten am Bildschirmrand, auf denen Buttons mit Optionen abgebildet werden könnten, und die lediglich zwei Knöpfe am Rand der Uhr sind Apples Minimalismus geschuldet. Man brauchte also am besten noch eine weitere Eingabemöglichkeit und schuf eine – jetzt aber tatsächlich – neuartige Technik: Das Display der Uhr unterscheidet zwischen einem einfachen Tippen und einem stärkeren Druck. Apple schafft sozusagen den rechten Mausklick! (Den kennen Mac-User natürlich gar nicht.)

Weitere Neuerung: Ein verbesserter Vibrationsmotor, getauft auf den Namen Taptic Engine. Er ist in der Lage, eine mehr oder weniger unhörbare Vibration abzusetzen, die sich anfühlt, als würde man mit einem Finger auf die Haut tippen. Damit meldet sich die Uhr beim Träger wirklich dezent, denn niemand sonst erfährt von der Benachrichtigung. Das Display leuchtet auch nur auf, wenn man den Arm hebt und reagiert. Das Vibrieren wird auch zur Navigation genutzt: Lässt man sich von der Uhr leiten, zum Beispiel wenn man in der Fußgängerzone ein Geschäft sucht, dann wird durch unterschiedliche Vibrationsmuster angezeigt, ob man links oder rechts abbiegen muss bzw. ob man sein Ziel erreicht hat. Man läuft also nicht durch die Gegend und starrt permanent auf seine Uhr. Hier ein schöner Artikel dazu.

Einsatzmöglichkeiten

Die sind natürlich vielfältig. Und, so war es immer mit den Neuvorstellungen, there’s more to come, sobald die Benutzer die Uhren erst einmal in die Finger bekommen und Wünsche an App-Entwickler richten. Apple liefert aber auch viele Möglichkeiten gleich ab Werk mit. Die Uhr soll das iPhone dabei nicht ersetzen, sondern ergänzen, also lediglich um etwas Funktionalität erweitern. Apple hat sich Mühe gegeben, die Uhr so persönlich wie möglich zu gestalten. Einige der Kernfunktionen der ersten Uhr sind diese hier:

  • Benachrichtigungen auf einen Blick
  • Schnelles Antworten auf Nachrichten
  • Wegbeschreibungen erhalten, ohne auf die Uhr sehen zu müssen
  • Körperliche Aktivität messen, Anzeigen und Speichern des Herzschlags
  • Zum Sport motivieren und dabei Erfolge messen
  • Viele Minifunktionen wie Fernbedienung für allerlei Gedöns
  • Ach ja: Die Zeit anzeigen! (Und das sogar hübsch einstellbar.)

Dabei gilt die Regel, dass der Benutzer sich nie lange mit dem Gerät beschäftigen soll. Für längere Dinge nimmt man das iPhone zur Hand. So ist es zwar möglich, Textnachrichten zu verfassen (also zu diktieren, denn Tippen geht ja nicht), jedoch keine E-Mails zu schreiben. Man kann zwar mit der Uhr telefonieren, aber das sieht natürlich doof aus.

Ich schrieb, dass man das iPhone zur Hand nimmt: Die Uhr ist zwar ein eigenständig funktionierendes Gerät, hat aber selbst keine SIM-Karte und damit keinen Mobilfunk-Empfang. Sie besitzt auch keinen GPS-Empfänger, sondern die Uhr kommuniziert über Bluetooth und WLAN. Bedeutet: Ohne ein gekoppeltes iPhone ist die Uhr nur sehr bedingt handlungsfähig. Aber das spielt der Tatsache in die Karten, dass die Uhr das Smartphone ergänzen und keinesfalls ersetzen soll – vielleicht sind also die beschnittenen Netzwerkfunktionen gar kein Makel; das muss die Zeit zeigen. (»Die Zeit zeigen«, haha, haha, ha.)

Die Uhr spielt auch beim Thema Internet of things schon groß mit: Mit den zugehörigen Apps und der entsprechenden Technik im Haus lassen sich Lichter, Garagentore, Schlösser, Thermometer und Eingangstürkameras bedienen, ablesen und steuern. Gruselig? Ein wenig! Dass irgendwann einmal unser Kühlschrank Milch nachbestellt, ist ja schon lange kein neuer Gedanke mehr, und langsam aber sicher nehmen diese Funktionen Gestalt an. Hier ein Beispiel.

Was sagen die User?

Viele, viele Menschen haben die Uhr nun getestet und ihre Erfahrungen gepostet. Die Erlebnisse reichen von Ernüchterung zu absoluter Zufriedenheit und sogar großer Freude. Eine nette Zusammenstellung der zwölf größten Überraschungen findet sich hier – sie sind auch nicht alle positiv.

Welche Apps gibt es für die Uhr?

Die Standard-Applikationen wie Nachrichten, E-Mail, Wetter, Aktienkurse (wer in aller Welt braucht das?) und so weiter sind vorinstalliert. Vor einigen Tagen startete ein eigener Apple Watch App Store, der täglich neue Apps präsentiert. Entwickler können nun ihre Programme nicht nur iPhone- und iPad-kompatibel erstellen, sondern noch die Watch-Funktion mit einbauen – ein Kauf für drei Geräte.

Sogar Spiele gibt es schon für die Uhr, dabei könnte man doch meinen, dass das bei dem winzigen Display gar nicht geht. Ganz im Gegenteil: Spielemacher haben sich schon auf die Größe eingeschossen, zum Beispiel gibt es ein Spion-Spiel für die Uhr. Oder, etwas nützlicher, ein Taschenrechner, der extra für die Uhr entwickelt wurde.

Eine riesige Liste nützlicher Apps findet sich hier.

Was halten die Uhren aus?

Es ist eine sinnlose Tradition: Jedes neue Apple-Gerät wird Tests zur Standhaftigkeit unterzogen, die teilweise doch sehr übertrieben sind. Wer schießt denn schon auf seine Uhr oder steckt sie in den Mixer? Aber es gibt auch zumindest etwas sinnvollere Tests. Apple schreibt nämlich, die Uhr sei spritzwassergeschützt:

Die Apple Watch ist spritzwassergeschützt und wasserabweisend, aber nicht wasserdicht. Das heißt, Sie können die Apple Watch zum Beispiel beim Training, im Regen oder beim Händewaschen tragen und verwenden. Ein Eintauchen der Apple Watch in Wasser ist jedoch nicht zu empfehlen. Die Apple Watch ist nach IEC-Norm 60529 als Wasserschutzkategorie IPX7 klassifiziert.

Funktioniert sie denn trotzdem noch nach dem Schwimmen? Das erfreuliche Ergebnis: ja! Allerdings wäre es durch Apples Ausschluss kein Garantiefall, wenn nach dem Schwimmen geringe Wassermengen in die Uhr eintreten und die Spätfolgen erst Wochen oder Monate danach auftauchen. Deshalb sollte man sie trotzdem besser im Spind lassen.

Kritik

Hier muss man unterscheiden zwischen Kritik am Konzern mit seiner Vermarktungsstrategie und dem Objekt der Begierde selbst.

Apple beherrscht Marketing wie kein anderer, jedes Fitzelchen an öffentlichem Auftreten wird bis ins Detail poliert. Häufig hält man sich dort auch an den uralten Spruch »willst du was gelten, mach dich selten«. In Bonn gab es zum Beispiel monatelang Gerüchte über die mögliche Eröffnung eines Apple Stores. Neulich erfuhr dann die Lokalzeitung von einem Apple-Mitarbeiter, »dass Apple für den Standort Bonn keinen Apple Store angekündigt habe und dass generell keine Gerüchte und Spekulationen rund um Standorte für Retail Stores von Apple kommentiert würden«. Zack, eins auf die Nase, wir verraten nicht, mit wem wir spielen wollen!

Mit diesem Verhalten polarisiert die Firma natürlich. Nicht nur deswegen existieren seit Jahren hauptsächlich zwei Lager in der Smartphone-Welt: Die Android-Jünger und die Apple-Fanboys. Beide liefern sich mitunter Grabenkriege, es sollen schon Menschen zu Schaden gekommen sein. Nicht nur deshalb muss man als Apple-Freund mitunter etwas vorsichtig sein, wenn man sich ein neues device zulegt: Wem erzähle ich davon, wem lieber nicht?

Zur Uhr selbst gibt es eigentlich nur eine einzige, große Frage: Braucht die Welt eine Smartwatch? Über die Antwort streitet sich die Welt sicher schon mit der Einführung der ersten Smartwatch – Apple hat das Rad ja nicht neu erfunden. Jetzt, wo das Geschäftsfeld stark Fahrt aufnimmt, werden die Fragen lauter. Sind vibrierende Uhren nicht nur überflüssig, sondern vielleicht zu ablenkend?

Weshalb müssen wir uns ein Stück teure Technik um den Arm binden, das ohnehin nach spätestens zwei Jahren veraltet ist? Ja, das sind alles gute Punkte. Ich erinnere in dem Zusammenhang trotzdem an die Zeit, als das iPad eingeführt wurde. Das brauchte niemand. Nein, es gab nicht einmal einen Markt dafür!

Sicherlich, auch den Tablet-Markt hat Apple nicht komplett neu erfunden, aber doch maßgeblich geprägt. Mit der Einführung des iPads wurde eine nie da gewesene Art der Beschäftigung mit Technik neu geschaffen: Tablets sind nicht dafür geschaffen, zu produzieren. Sie sind dafür geschaffen, zu konsumieren. Und das auf eine sehr angenehme Art und Weise, muss ich sagen.

Die Stimmen, die schrien, Tablets brauche niemand, wurden leiser und leiser – nun sind sie verstummt. Es gibt sogar ernsthaft Menschen, die Fotos mit dem Tablet machen, ohne sich dafür zu schämen. Tablets sind zwar vielleicht noch aus unserer Welt wegzudenken, tauchen aber an allen möglichen und unmöglichen Stellen auf: Am Flughafen, beim Notar, in der U-Bahn, am Küchentisch.

Also noch einmal: Braucht die Welt Smartwatches? Nein, natürlich nicht. Werden wir Sie trotzdem alle früher oder später benutzen? Ich sage: mit Sicherheit. Smartwatches – und nicht nur die von Apple – werden in einiger Zeit so natürlich von uns benutzt werden wie heutzutage Smartphones und zunehmend auch Tablets.

Wir haben uns in dem Gebiet längst von der Frage gelöst, ob wir etwas brauchen. Daher ist es grundsätzlich falsch, Smartwatches mit dieser Frage anzugreifen. Denn das ist überhaupt nicht mehr wichtig. Was zählt ist heutzutage nur noch Bereicherung. Bereicherung des eigenen Lebens durch Vereinfachung der Abläufe und mehr Funktionalitäten – und auch Bereicherung der Hersteller dieser Produkte durch die Sammlung gigantischer Datenmengen über das Verhalten und die Gesundheit der Konsumenten. Wir sind das Produkt, nicht die Smartgeräte. Aber das ist kein Geheimnis. Wir haben uns trotzdem dazu entschieden – oder der Anreiz war einfach zu groß, weil wir die Auswirkungen nicht einschätzen können.

Eine Diskussion über Für und Wider von Smartgeräten kann und darf deshalb nicht anhand der Frage geführt werden, ob man sie braucht.

Gibt’s denn schon Probleme?

Aber natürlich. Bei den Berichten, was mit den Geräten alles nicht funktioniert, muss man allerdings Vorsicht walten lassen. Ich kann mir gut vorstellen, dass diverse Firmen gerne etwas negative Presse verbreiten – obgleich das dem Bestellwahn der User weltweit wohl nur einen kleinen Dämpfer verpassen kann: Apple verkaufte am ersten Tag so viele Uhren wie Android-Exemplare im ganzen Jahr 2014 bestellt wurden.

Dass bei der Produktion der Uhr hoher Zeitdruck bestand, kann man sich leicht vorstellen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Damen und Herren in der Produktion eines nicht bedacht haben: Tattoos. Denn die auf der Unterseite der Uhr montierten Sensoren, die den Herzschlag registrieren sollen, vertragen sich mit der künstlichen Farbe in der Haut nicht – und das ist sogar von Apple offiziell bestätigt. Den Internetregeln folgend hat dieses Phänomen schon seinen eigenen Hashtag bekommen:

Nicht bestätigt hingegen sind Gerüchte um Probleme mit der Digital Crown, die durch Verschmutzung nicht mehr funktionieren würde. Außerdem sollte es massive Probleme mit dem Vibrationsmotor, dem Taptic Engine geben – aber auch das wurde größer geschrieben als nötig.

Die Seite IFIXIT veröffentlicht Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Reparieren von Apple-Geräten. Die Seite ist offenbar sehr gut, denn im Apple-Laden wurde sie mir von einem Mitarbeiter höchstpersönlich empfohlen. Dort gibt es natürlich auch schon Anleitungen für die Apple Watch.

Als Problem könnte man hierzulande auch die fehlende Apple Pay-Integration bezeichnen. Kurz: Damit lässt sich leicht bargeld- und sogar plastikkartenlos im Laden bezahlen. Ich habe dazu schon einmal etwas geschrieben. Leider ist die Funktion in Deutschland nicht verfügbar, ein Datum, zu dem es funktionieren soll, steht noch nicht fest. Ganz sicher sind es keine technischen sondern eher rechtliche oder formelle Gründe, weshalb sich der Start hier verzögert. Deutschlands offizielle Mühlen mahlen ja mitunter langsam.

Ist schon Zubehör erhältlich?

Selbstverständlich! Es gibt bereits verschiedene Arten von Ladedocks, in die das Ladekabel der Apple Watch gesteckt werden kann. Auch auf Crowdfunding-Plattformen finden sich die ersten guten Ideen. Sogar die neuen Ikea-Möbel mit Ladefunktion müssten die Uhr laden können. Natürlich sind Eigenkreationen ebenfalls keine Grenzen gesetzt (hier und hier).

Das Internet spuckt außerdem zahlreiche Cases für die Uhr aus, um Verkratzen zu verhindern. Ob solche Schutzhüllen sich so gut verkaufen werden wie iPhone-Hüllen? Ich habe da meine Zweifel.

Rausschmeißer

Wer’s genau wissen will: So sieht die Uhr im Innern aus.

Und wem jetzt noch Informationen fehlen, der schaue einfach ins offizielle Apple Watch-Benutzerhandbuch. Ja, so etwas gibt es tatsächlich.

Als Zusammenfassung einiger wilder Tage, in denen der Hashtag #applewatch auf Twitter sekündliche Updates liefert, in denen die Medien sich durch spektakulärere Informationen gegenseitig zu überbieten versuchen und in denen täglich neue Apple-typisch minimalistische Werbevideos veröffentlicht werden, ist dieser Tweet äußert geeignet: