„Husten Sie mal.“

Doktorin zieht sich Handschuhe an

Ich komme aus einer Generation, in der die Musterung noch unabwendbar zur Jugend aller Männer gehörte. Für diejenigen, die sich nicht erinnern, es verdrängt haben oder zu jung sind: Seinerzeit gab es noch die Wehrpflicht. Um einzuschätzen, für welche Aufgaben im Militär man geeignet war, musste die sogenannte Musterung durchgeführt werden. Ein sensationelles Erlebnis!

Alles begann mit einem Brief

Eines Tages erhielt ich die Benachrichtigung, dass ich meinen Wehrdienst leisten würde. Verfasst in bestem Bürokratiedeutsch wurde mir mitgeteilt, wann ich zur Musterung zu erscheinen habe. Ach, und falls ich es wagen wolle, den Wehrdienst zu verweigern, solle ich vorher einen entsprechenden Brief schicken. Unentschuldigtes Fehlen würde geahndet, blabla. Das sorgte natürlich für gute Laune.

Ich hatte mir schon lange vorher überlegt, dass ich den Wehrdienst nicht leisten wollte. Also kopierte ich den Text der Verweigerung, der in diesen Wochen im Freundeskreis kursierte, änderte ihn leicht ab und sandte ihn der zuständigen Stelle. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Meine Verweigerung wurde abgelehnt. In mehreren Absätzen teilte man mir verschwurbelt mit, ich habe meine Unterschrift vergessen. Beim zweiten Versuch klappte es, aber man teilte mir mit, dass ich dennoch zur Musterung erscheinen würde.

Erstmal umziehen

Am großen Tag war ich trotz der Verweigerung ziemlich aufgeregt. Wenn ich mich richtig erinnere, bekam ich dafür sogar schulfrei. Beim Eintreffen stellte ich fest, dass ich zu einer Gruppenparty eingeladen war: Dort standen weitere junge Männer, die ebenfalls ihre Ladungsunterlagen nervös in den Händen hielten.

Man zeigte uns einen kleinen Umkleideraum, in dem wir uns sportliche Kleidung anziehen sollten. Wir verhielten uns möglichst gelassen, doch brodelte es sicherlich in jedem ähnlich: „Was haben die genau mit mir vor?“

Es folgten eine ganze Reihe kleiner Prüfungen, unter anderem ein Farbsehtest und einer zur Ausdauer. Außerdem durfte ich in einer kleinen Kabine Platz nehmen und einen Knopf drücken, sobald ich aus Kopfhörern ein leises Fiepen vernahm. Ich fand das alles recht harmlos.

„Nehmen Sie eigentlich Drogen?“

Das Gespräch bei einer Ärztin war da schon etwas spezieller. Es wurde erstaunlich persönlich, ging über Vorerkrankungen meiner Familie, meine Lebenssituation und ob ich Drogen nehmen würde. Schlussendlich sollte ich noch eine Urinprobe abgeben und wurde von ihr in ein kleines Sonderzimmer geschickt, das direkt hinter ihrem Schreibtisch lag.

Ich schloss die Tür hinter mir – Stille. Ob sie jetzt wohl zuhörte? Wie lange ich wohl Zeit hätte? Eigentlich musste ich gar nicht auf die Toilette, also stand ich kurz etwas unschlüssig herum. Meine Aufgabe war aber klar, also tat ich mein Bestes und öffnete eine Weile später stolz strahlend die Tür zu diesem seltsamen chambre séparée und stellte ihr den halb gefüllten Becher auf den Schreibtisch. Irgendwie schien ihr das nicht so recht zu sein.

„Ich werde Sie jetzt da unten anfassen.“

Das Beste stand mir aber noch bevor. Nach einer kleinen Pause im Umkleideraum – samt möglichst coolem Smalltalk mit den ebenso verstörten Leidensgenossen – ging es in ein großes Untersuchungszimmer. Eine Ärztin stellte sich und ihre Kollegin vor, die an einem Schreibtisch vor vielen Unterlagen saß. „Meine Kollegin wird die Messergebnisse mitschreiben. Sie befassen sich bitte nur mit mir.“

Ich wurde gewogen und vermessen und erhielt den Hinweis, dass ich wegen meiner Skoliose natürlich nie würde gerade stehen können. Das war mir bis dahin neu gewesen. Anschließend sollte ich mich bis auf die Unterhose ausziehen und auf ein Blatt Papier stellen.

„Und als letztes werde ich Sie jetzt am Hoden betasten. Bitte ziehen Sie Ihre Unterhose herunter.“

Heutzutage weiß ich, dass diese Untersuchung wirklich sinnvoll ist. Den Grund dafür eröffnete die unfreundliche Ärztin mir aber leider nicht. Auch die Tatsache, dass ihre Kollegin am Schreibtisch saß und sehr genau dabei zusah, wie ich schüchtern meine Unterhose herunter zog, war nicht gerade angenehm.

„Und jetzt husten Sie bitte einmal.“

Auch das gehört zu der Untersuchung. Ich hüstelte. „Stärker.“ Leider war mir überhaupt nicht nach Husten zumute. So musste ich einige Male aufgefordert werden, doch bitte noch stärker zu husten… Einen derart skurrilen Moment vergisst man nicht so schnell.

Glücklicherweise wird diese leicht traumatische Erfahrung heutzutage nicht mehr in die Pubertät junger Männer eingeflochten. Diese Phase ist ohnehin schon schwer genug.

Warum man mit Projekten nicht anfangen möchte

Der Cursor blinkt vor dem weißen Hintergrund. Die Idee zum Text ist da, was fehlt, ist das erste Wort. Wer kennt es nicht?

Mir hilft es in solchen Fällen, einfach mit dem Tippen anzufangen. Vermutlich werden die ersten Sätze hinterher wieder gelöscht, aber dann ist der Anfang gemacht.

Nicht nur beim Schreiben gehört der Anfang zu den schwersten Hürden. Auch beim Aufstehen, beim Schlafengehen, beim Aufräumen, beim Sport, beim Aussortieren… Es scheint, das Problem besteht in vielen Bereichen.

Vor einigen Jahren bin ich umgezogen. Dabei braucht man immer allerlei Werkzeug, es dann jeweils wieder ordentlich wegzuräumen lohnte sich also nicht. Darum warf ich alles in einen Wandschrank. Da lag das Zeug allerdings all die Jahre herum und nahm eine Menge Platz weg. Den einen Hammer oder diesen bestimmten Schraubenzieher konnte ich außerdem nie finden.

Neulich habe ich mich endlich überwunden und das Gerümpel sortiert. Und ich muss sagen: Hätte ich das doch eher gemacht! Es dauerte zwar etwa zwei Stunden, dafür konnte ich auch richtig viel wegwerfen und finde endlich auch meinen Lieblingsschraubenzieher wieder. Jedes Mal, wenn ich den Schrank öffne, freue ich mich und achte perfektionistisch darauf, dass alles darin in Ordnung bleibt. Diesen Zustand hätte ich Jahre früher haben können.

Warum also hat das so lange gedauert?

Eine Vermutung: Wenn man mit einem Projekt anfängt, bedeutet das erstens Arbeit, zweitens Veränderung und drittens kann man manche Dinge nicht mehr stoppen, wenn sie begonnen wurden. Bei mir lagen beispielsweise nach zwanzig Minuten Schraubenzieher, Sägen, dutzende Sorten Schrauben und Nägel, Garn und zwei Wasserleitungen im Flur herum. Das kann man schlecht einige Tage pausieren…

Die Zufriedenheit, die der fertige Zustand auslöst, sollte allerdings Grund genug sein, mich in Zukunft eher einmal dazu zu bewegen, solche Projekte einfach mal zu machen. Weh getan hat es obendrein auch nicht.

Podcast-Empfehlung: Alles gesagt?

Retro-Mikrofon

„Ach, was ich schon immer mal wissen wollte: …“

Bei diesem Podcast-Format braucht man Ausdauer, dachte ich am Anfang. Während die ersten Folgen noch bis zu drei Stunden lang waren, wurde mittlerweile schon die sechs Stunden-Marke geknackt. Was erzählen die sich denn da so lange?

„Alles gesagt?“ ist ein Interview-Podcast von Christoph Amend (Chefredakteur ZEITmagazin) und Jochen Wegner (Chefredakteur ZEIT ONLINE). Die beiden laden in jeder Folge nur einen einzigen Gast zum Gespräch. Sie sind außerordentlich gut vorbereitet („wir haben ja wirklich alles über Sie gelesen, was jemals veröffentlicht wurde“) und bringen darum auch genug Fragen mit. So wurde mir tatsächlich bislang noch kein Podcast langweilig – selbst wenn es häufig um Politik geht. Die Themen wechseln sich häufig ab und zwischendurch wird ohnehin ständig gegessen und getrunken. Gäste sind Personen aus Wirtschaft, Politik und Medien.

Das Besondere: Erst wenn der Gast beschließt, dass jetzt „alles gesagt“ sei, wird der Podcast – schlagartig – beendet. Darum sind alle Folgen verschieden lang. Manche Personen sprechen eben gerne länger. Also: Wer wissen will, was Herbert Grönemeyer von Spotify hält, wie rasant der Zalando-Chef Rubin Ritter seine Firma aufgebaut hat und wie der Sternekoch Tim Raue seine schwierige Jugend als Motivator für seine Karriere nutzen konnte, dem sei dieser Podcast wärmstens empfohlen.

Alles gesagt?


Titelfoto: Maciej Korsan/StockSnap.io