Rundreise durch Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich

Normalerweise bin ich ein sehr entspannungsliebender Urlauber. Ich fahre an einen Ort, packe den Koffer aus und richte mich ein. Ob es nun ein Hotel, eine Ferienwohnung oder ein Airbnb ist – so oder so fühle ich mich dort während des Aufenthalts temporär zuhause. Vor einiger Zeit aber unternahm ich mit Freunden eine Rundreise, die ganz anders war.

Wir mieteten ein großes Auto und fuhren acht Tage durch die Lande. Es war nicht der stressigste Urlaub meines Lebens, weil wir solch eine Tour vor einigen Jahren mit anderen Gästen bereits für zwölf Tage unternommen hatten. Dieses Mal könnte es allerdings der zweitstressigste Urlaub gewesen sein. Dennoch: Man erlebt bei solch einer Fahrt viele Dinge in kurzer Zeit, das ist schon besonders. Zeit für Gedanken an den Alltag bleibt da natürlich wenig – das bringt auch eine Art von Entspannung mit sich. Hier also eine kleine Chronologie der Ereignisse.

Tag 1 – Anreise

Wir starten unsere Tour nicht zu Hause, sondern bei Familienmitgliedern. Dorthin sind wir bereits mit dem Leihwagen angereist. Es ist ein VW der größten Klasse, die man ohne Personenbeförderungsschein noch fahren darf. Trotzdem fährt der Wagen sich fast wie ein kleiner Golf. Wir haben auf ein Automatikgetriebe geachtet und sind bereits auf den ersten Kilometern froh über diese Entscheidung. Sieben der neun Sitze werden wir brauchen, dazu Gepäck – es wird kuschelig.

VW-Neunsitzer
Unser Wägelchen

München Flughafen

Zunächst geht es zu zweit nach München zum Flughafen. Unsere Freunde werden am Folgetag früh ankommen. Wir steigen in einem Hotel in einem Nachbardorf ab. Dort herrscht 24 Stunden lang Betrieb, das Frühstück kann man schon ab 3 Uhr nachts bekommen. Vermutlich bleiben keine Gäste länger als eine Nacht, und so fühlt sich dieses Umsteigehotel auch an: Nach einer Mischung aus Massenabfertigung, Jugendherberge und bayerischem Landhotel. Komischer Laden. Wir kommen spät an und schlafen in dem völlig überhitzten Zimmer schlecht ein.

Tag 2 – Nach Süden

Morgens stellen wir erschreckt fest: Das Flugzeug unserer Freunde landete schon um sechs Uhr, eine ganze Stunde zu früh. Sie kommen aus China, da kann das mit ordentlich Rückenwind schon mal passieren. Wir schlingen hastig das Frühstück hinunter, was meinem Magen zwar nicht gefällt, aber da muss er durch. Danach werfen wir das Gepäck in den Wagen und brausen zum Flughafen.

Dort klappt alles ganz hervorragend, wir finden uns schnell. Unsere Truppe besteht sodann aus drei Jungs zwischen 10 und 13 Jahren und vier Erwachsenen. Wir bereiten uns also auf einige pubertäre Anfälle vor.

Erst einmal verlassen wir das Gelände und fahren zum nächstgelegenen Supermarkt: Wir brauchen Snacks für die hungrigen Reisenden und einige Getränke für die Fahrt. Im Laden zeigt sich gleich der erste kulturelle Unterschied: Die Kinder sollen Milch besorgen, wissen aber natürlich mit den hiesigen Marken nichts anzufangen. Also bringen sie beim ersten Versuch Sojamilch und beim zweiten einen Haferdrink. Ich helfe ihnen, zeige auf eine Packung Kuhmilch, bestätige die Auswahl mit „Muuuh!“ und ernte verständnislose Blicke. Vermutlich bin ich in ihren Augen ab jetzt der bescheuerte Europäer.

Nach dem Einkaufen geht es endlich richtig los und wir verlassen Deutschland.

Salzburg

Die Fahrt von München nach Salzburg ist einfach, die Straßen sind gut und die Grenze könnte man als Fahrgast sogar verschlafen. Die Gesellschaft im Rückspiegel ist müde, aber gut gelaunt und neugierig.

Wir haben diese Reise von Airbnb zu Airbnb geplant. Das birgt spannendes Potenzial, da man im Gegensatz zu klassischen Hotels noch weniger weiß, was man genau gebucht hat. Unsere erste Unterkunft ist erst gegen 17 Uhr frei, also entscheiden wir uns kurzfristig, die Salzburger Innenstadt unsicher zu machen. Wir steuern das erstbeste Parkhaus an, laden alle Menschen aus und begeben uns – wirklich ungeplant – zielsicher ins erstbeste asiatische Restaurant.

Die Kinder atmen sichtlich auf, als es Esstäbchen gibt und sie einige der Dinge auf ihrem Teller wieder erkennen. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, wie gut es sich anfühlt, wenn man beim Essen in fernen Ländern Vertrautes entdeckt.

Frisch gestärkt nehmen wir uns vor, die Festung Hohensalzburg zu besteigen. Ungefähr auf halber Höhe stelle ich fest, dass das mit vollem Magen und bei 32 Grad nicht die schlaueste Idee gewesen ist. Unsere armen Gäste haben vom Fliegen lange Hosen an und schwitzen umso mehr. Dafür werden wir mit einer beeindruckenden Aussicht belohnt.

Blick ins Salzburger Land
Der Blick ins Salzburger Land
Blick auf Salzburg
Blick auf Salzburg

Bei den Temperaturen ist selbst der Abstieg von der Festung anstrengend. In der Altstadt finden wir ein Café und wollen etwas Energie tanken. Bei den Kindern ist das leicht: Da sie keine Softdrinks gewohnt sind, genügt ein einfaches Glas Cola und nach einigen Minuten sind sie taufrisch. Wir Erwachsenen benötigen ein-zwei Kaffees und müssen uns dennoch aufraffen. Ach, die Jugend.

Wir laufen kreuz und quer durch die Altstadt und schauen uns zum Beispiel das Geburtshaus Mozarts an. Ich glaube es fast nicht, aber im Erdgeschoss befindet sich tatsächlich ein Spar-Supermarkt. Zwar ist sein Logo mit goldenen Buchstaben geschrieben, aber ich bin trotzdem überrascht. Da es in der Sonne mittlerweile außerordentlich heiß wird, spare ich uns den eigentlich geplanten Kauf einiger Mozartkugeln.

Gegen 16 Uhr sind wir nassgeschwitzt zurück am Auto und fahren mit Klimaanlage zum Airbnb. Dort erleben wir leider eine böse Überraschung: Beim Buchen hat es ein Missverständnis gegeben und statt einem ganzen Haus haben wir nur einige Zimmer gebucht, die zueinander auch noch ungünstig liegen. Unsere Truppe besteht aus drei Familien und möchte sich nicht mischen, das ist allerdings mit diesen Zimmern nicht möglich. Also quartieren wir die Gäste zusammen in der Unterkunft ein und suchen uns zu zweit kurzerhand ein Hotel in der Nähe.

Tag 3 – Tief nach unten und hoch hinaus

Für heute hatten wir uns eigentlich die Salzburger Altstadt vorgenommen, allerdings waren wir dort gestern ja schon. Da Museen und derartige Besichtigungen für unsere Gäste nicht interessant sind, besuchen wir Berchtesgaden (und fahren dafür nochmal kurz nach Deutschland). Was macht man dort, wenn man weder auf den Spuren eines Diktators wandeln möchte, noch das nötige Kleingeld für einen entspannten Aufenthalt im ortsansässigen Kempinski-Hotel hat? Genau, man besichtigt ein Salzbergwerk! Derer gibt es in der Gegend mindestens zwei.

Nach dem Ticketkauf erhalten alle Besucher einen Anzug aus dickem Stoff, der vermutlich gleich mehrere Zwecke hat: Er soll gegen Verschmutzung helfen, er soll beim Rutschen auf speziellen Holzrutschen den Hosenboden schützen und er soll wärmen. Dort unten herrschen nämlich permanent 12 Grad. Beim Umziehen schwitzen wir alle kräftig, denn es sind immerhin knapp 30 Grad. Kurz danach geht es auf einem kleinen Zug waagerecht in den Stollen und schon nach wenigen Metern freuen wir uns über die zusätzliche Lage Klamotten. Fotografieren ist im Berg zwar verboten, es ist aber im Düstern ohnehin wenig sinnvoll. Wer in der Nähe ist, dem empfehle ich einen Besuch solch einer Mine. Es gibt Geschichte, besagte Rutschen (freiwillig), und eine Fahrt auf einem Salzsee unter Tage. Wer mag, darf den Finger mal in Salzsole tauchen und ihn ablecken. Ich verspreche: Das beinhaltet genug Salz für einen ganzen Tag.

Was macht man, wenn man mittags einem Bergwerk entstiegen ist, sich im schönen Salzburger Land befindet und drei Kinder dabei hat? Wieder richtig, man fährt in den nächsten Erlebnispark. Spätestens hier wird klar, dass dies kein regulärer „Besichtigungsurlaub“ sein kann.

So ein Erlebnispark verbrennt auch Kinderenergie, so dass wir anschließend gemütlich das Abendessen einkaufen können. Anschließend wird in aller Ruhe gekocht und der Abend genossen. Ich rufe mir an dem Abend in Erinnerung, wie ich mich in China an meinem zweiten Tag fühlte: Die Zeitumstellung noch in den Knochen, nur unbekanntes Essen, sogar die Luft roch anders. Wer aus China nach Europa kommt, der ist früh morgens wach und wird nachmittags müde. So werden unsere Gäste wenig verwunderlich auch früh müde und wir machen uns zu zweit auf ins Hotel.

Tag 4 – Durch die Alpen

Heute ist Autotag. Wir holen unsere fünf ausgeruhten Gäste an ihrer Unterkunft ab und fahren Richtung Süden. Um die etwas längere Fahrt abwechslungsreicher zu gestalten, haben wir zwei Stopps eingeplant.

Seeboden

Am Millstätter See steigen wir aus und strecken die müden Glieder. Es weht ein angenehmer Wind und wir machen viele Fotos. Außerdem scheuchen wir die Kinder auf einen kleinen Trampolinpark.

Millstätter See
Der Millstätter See mit – zu diesem Zeitpunkt – offenbar mehreren Wetterzonen

Hier könnte man gut mal Urlaub machen. Seeboden selbst wirkt allerdings sehr touristisch und ich komme mir kurz vor wie auf Ibiza an der Strandpromenade.

Villach

Nicht weit entfernt führt die Villacher Alpenstraße durch ein Naturschutzgebiet bis auf 1.700 Meter hoch in die Berge. Direkt zu Beginn zahlt man eine Sondergebühr – die gilt allerdings pro Auto und so kommen wir mit unserem Kleinbus im Schnitt recht günstig weg. Unser Ziel ist eine Aussichtsplattform.

Wir staunen auf dem Weg bergauf nicht schlecht, da uns neben Motorradfahrern auch einige Radfahrer begegnen. Die Straße ist so steil, dass wir im Auto Druck auf die Ohren bekommen, und da fahren doch tatsächlich Radfahrer hoch! Gut, sie sehen auch etwas angestrengt aus, aber ich hätte schon beim bloßen Anblick der allerersten Steigung aufgegeben.

Trotzdem ist auch die Autofahrt kein Zuckerschlecken, gerade hinten im Auto wird es durch die Kehren und vielen Kurven ziemlich schaukelig. Entschädigt werden wir allerdings nach kurzer Zeit mit einer wahrlich atemberaubenden Aussichtsplattform. Dieses Adjektiv gilt hier nicht nur wegen der wirklich großartigen Aussicht. Es handelt sich außerdem um eine Plattform aus Metallgitter, so dass man hindurch und einige hundert Meter abwärts schauen kann. Das ist nur etwas für starke Nerven.

Wer sich vom Stress des durchs-Gitter-ins-Nichts-Schauen erholt hat, kann die Aussicht genießen
Der Hochsommer ist auf 2000 Höhenmetern besser zu ertragen

Auch bei der Fahrt den Berg wieder hinunter staunen wir nicht schlecht, denn uns kommt ein Mann im Rentenalter bergauf entgegen geradelt. Da fühlt man sich doch ziemlich unsportlich im klimatisierten Auto.

Wir fahren auf eine Autobahn, die sich direkt durch die Alpen schneidet: Die A10 führt von Salzburg aus durch unzählige Tunnel. Sie durchlöchern die Ausläufer der Berge und man weiß beim Durchfahren nie, welches Wetter auf der anderen Seite wartet. Im Salzburger Land ist es heute angenehm bei etwa 23 Grad. Ich nehme zwar wahr, wie die Temperaturanzeige des Außenthermometers immer weiter steigt, aber ich verstehe die Änderung erst dann richtig, als wir bei 35 Grad in Italien Halt an einer Raststätte machen. Es fühlt sich an, als würde man plötzlich durch Pudding gehen und atmen müssen.

Schon kurz hinter der Grenze begannen die bayrisch-österreichischen Häuser zu verschwinden, nun dominieren die terrakottafarbenen Steinhäuser Italiens. Gleich hinter den Alpen flacht auch die Straße ab und wir fahren geradeaus nach Süden ans Meer – an unzähligen kleinen Dörfchen vorbei.

Mestre

Wer nach Venedig fährt, kommt fast unweigerlich auch durch das der Seestadt direkt vorgelagerte Mestre. Diese Stadt sehe ich nun zum zweiten Mal und wieder drängt sich das Gefühl einer Zweckstadt auf: Mestre beliefert Venedig mit Waren, Arbeitern und vor allem werden von hier auch die Touristen zu ihrem Ziel gekarrt. Eins ums andere Mal frage ich mich, wie die in meinen Augen äußerst hässliche Stadt wohl aussehen würde, wenn es die unschlagbare Konkurrenz Venedig nebenan nicht gäbe.

Unser Airbnb liegt in Mestre, einige Busminuten vom Abfahrtsort nach Venedig entfernt. Man wohnt hier grundsätzlich viel günstiger als direkt in Venedig. Wir stellen allerdings wieder fest, dass es problematisch ist, mit einer so großen Gruppe wie der unseren Airbnbs zu buchen. Die Altbauwohnung hat ihre sicherlich auch edlen Tage längst hinter sich gelassen. Der Herd funktioniert nicht, die Mikrowelle riecht verräterisch nach Kabelbrand und so improvisieren wir abends eine Mahlzeit für sieben Personen in einem Ofen.

Auch wenn die beworbene Waschmaschine fehlt, immerhin gibt es starke Ventilatoren in allen Zimmern. Denn: In der Stadtwohnung herrschen drückende 35 Grad ohne Aussicht auf Wind. Ich mutmaße beim Zubettgehen, dass man auch bei widrigen Bedingungen schlicht aus Erschöpfung einschläft. So ist es dann auch und zumindest die Mücken finden ein Festmahl vor.

Tag 5 – Venedig

Heute steht mit Venedig ein weltbekanntes Örtchen auf dem Plan. Mich persönlich reizt es wenig, ist es doch heiß, voll und teuer. Aber Plan ist Plan, also beschaffen wir uns morgens erst einmal ein Frühstück. Keiner hat Lust, es in der maroden Küche selbst zuzubereiten, also finden wir uns ein einem Straßencafé wieder. Die Bedienung ist lustigerweise ebenfalls Chinesin, also wundert zumindest sie sich nicht, als unsere Gäste morgens um 9 Uhr Pizza und aufgeschäumte Milch mit Zucker bestellen. Ich freue mich stattdessen enorm über einen großen Cappuchino und ein Sandwich und bin erst danach richtig ansprechbar.

Der Bus nach Venedig ist günstig und wir schlendern bei noch angenehmen 24 Grad durch die Stadt, nähern uns im Uhrzeigersinn dem Markusplatz, der offenbar als das touristische Zentrum verstanden wird. Hunderte Fotos und einige kleinere Stopps später belagern wir mittags ein kleines und vor allem auch klimatisiertes Café. Die Kinder nörgeln, es sei zu viel Bewegung und ich freue mich still, denn mein Rücken tut weh – nur bin ich zu erwachsen, um mich jetzt zu beschweren.

Es ist nun brütend heiß und wir nähern uns dem Markusplatz – darum wird es auch so voll, dass man sich bald nur noch als Teiler einer großen, schwitzenden Menschenmasse durch die Gässchen schiebt. Trotzdem: Wir schaffen es bis zur Rialtobrücke, die als noch so ein Touristen-Hotspot gilt.

Eine der vielen Wasserstraßen. Venedig ist, wenn man genau hinsieht, ziemlich alt und baufällig.
Selfies auf einer der unzähligen Brücken gehören dazu
Die Rialtobrücke ist „zweigleisig“: Am Rand gibt es jeweils Treppenstufen, in der Mitte eine Reihe Geschäfte – das ist schon ein toller Anblick

Neben Shopping und Herumlaufen kann man natürlich auch eins der Wassertaxis nutzen. Die fahren überall in der Stadt herum und sind nichts anderes als Transportboote. Wer es ganz edel möchte, der bucht eine Gondoliere wie aus dem berühmten James Bond-Film. Der Spaß kostet 80 Euro, aber manchmal lässt man Touristenpreise auch über sich ergehen. Für mich ist kein Platz auf dem kleinen Boot, was ich zur Überraschung der anderen außerordentlich begrüße. Ich nehme meine Kopfhörer und laufe mit einem Podcast auf den Ohren zurück zum Busbahnhof und fahre nach Hause. Die anderen kommen später heim und sind von der Wasserfahrt begeistert – so sieht man eben doch noch kleine „Straßen“, die man sonst übersehen hätte. Wir machen eine kleine Einkaufstour und schaffen es ein zweites Mal, in der Küche ein leckeres Essen herzustellen.

Tag 6 – Nach Westen

Heute ist mein Geburtstag. Ich wache mit einem Geburtstagsständchen meiner Mutter per Sprachnachricht auf und werde anschließend in ein kleines Café in einer Seitenstraße zum „Geburtstagsfrühstück zu zweit“ eingeladen. Die Patisserie ist schön gestaltet, die Bedienung sehr freundlich, die Auswahl groß und der Kaffee wieder einmal hervorragend. Sie wirkt auf mich wie der Ort, den man in Mestre gesehen haben muss, wenn man schon mal dort ist. Außer uns sind an dem Morgen nur Stammgäste vor Ort.

Auf der Fahrt von Venedig nach Genua gibt’s viel Aussicht zu genießen

Wir packen anschließend unsere Sachen und machen uns auf den Weg, um den Italienischen Stiefel einmal im Norden zu durchqueren.

Genua

Das nächste Ziel ist Genua, das mich gleich mehrfach überraschen wird. Zunächst einmal verwirrt mich die schiere Größe. Uns erwartet eine Großstadt, die von Autobahnen durchzogen ist. Wir fahren an einem nicht enden wollenden Industriehafen vorbei, der meine völlig falsche Vorstellung eines kleinen, pittoresken Fischerdörfchens sofort zunichte macht. Linker Hand befinden sich tausende Häuser, die offensichtlich nicht von Touristen bewohnt werden und die sich wie ein riesiges Wimmelbild in Richtung Meer orientieren. Es gibt so viel zu sehen, dass ich mich mehrfach daran erinnern muss, auf die Straße zu achten statt den Ohs und Ahs zu folgen, die die Mitfahrer von sich geben.

Die zweite Überraschung ist unser Airbnb – diesmal allerdings in positiver Hinsicht. Die Wohnung befindet sich in einem einhundert Jahre alten Haus in zweiter Reihe der Strandpromenade. Mit dem uralt aussehenden (aber sehr modernen) Aufzug fahren wir in die oberste Etage, in der uns Stuckdecken, knarzendes Parkett und eine Küche mit originalem Steinwaschbecken und Gasherd erwarten. Von der gigantischen Dachterrasse kann man nicht nur das Meer, sondern auch über einen großen Teil von Genuas Altstadt blicken. Spätestens hier stellen wir fest, dass wir mit nur einer Übernachtung wesentlich zu kurz gebucht haben.

Das alte Haus ist in einem sehr guten Zustand

Nach dem Einrichten und einem anregenden Plausch mit der sehr sympathischen Eigentümerin laufen wir an die nächste Strandbar. Die Kinder toben im Meer, während die Erwachsenen sich mit Blick auf den Strand nicht nur Essen, sondern auch den einen oder anderen Schluck genehmigen. „Heute habe ich Geburtstag, da kann man auch nachmittags schon etwas angeklingelt sein“, denke ich mir.

So kann man es sich gut gehen lassen – der Blick von der Strandbar aufs Meer

Nach dem kleinen Gelage gibt’s einen Mittagsschlaf. Abends gehen wir noch einmal zu zweit Essen und ich erlebe die dritte Überraschung: In einem kleinen, lauten und überfüllten Pizza-Schnellrestaurant in der Nähe bekommen wir eine großartige Pizza und sind übereinstimmend der Meinung, dass das sogar die beste Pizza unseres bisherigen Lebens ist.

Tag 7 – Einmal wie die Reichen

Morgens kochen wir in der uralten Küche. Wie gewohnt gibt’s auch früh schon Deftiges: Spaghetti und Speckkartoffeln. Ich begnüge mich lieber mit Joghurt und Kaffee.

Wenn man schon mal an der Côte d’Azur ist und etwas Zeit erübrigen kann, dann kann man eine der Städte besuchen, in denen die Welt eine andere ist. Die Rede ist natürlich von Monaco, Cannes und Co. Bei der letzten Tour vor einigen Jahren fuhren wir versehentlich am überschaubaren Monaco vorbei und besuchten ersatzweise Cannes, diesmal klappte es. Die Autobahn führt durch Berggerippe und ständig fahren wir entweder auf Brücken oder durch Tunnel, es ist anstrengend. Neben vielen normalen Autos überholt uns ab und zu auch die eine oder andere Luxuskarosse, die eindeutig nicht hierher gehört – oder gerade eben doch, wie man’s nimmt.

Monaco

Monaco ist bergig, klein und heiß. Wir laufen am Hafen entlang und stellen erst nach der Abreise fest, dass wir nur einen Nebenhafen besichtigen. Dabei sind schon hier die Yachten exorbitant groß und pompös. Wie mag das erst im „richtigen“ Hafen aussehen? Mir wird zumindest berichtet, dort läge eine goldene Yacht. Aber auch so wabert der Reichtum und Protz förmlich durch die Straßen – gemeinsam mit einer schwülen Hitze, die auch die Nähe zum Meer nicht groß verbessern kann. Wir machen eine Pause im einzigen Etablissement, dessen Preis-Leistungsverhältnis wir einschätzen können: einem McDonalds. Ich reserviere drei Plätze an einem kleinen Tisch und unterhalte mich mit dem Mann, der auf dem vierten Platz sitzt.

Er trägt ein weißes Hemd und sieht geschäftsmännig aus, während ich mit kurzer Hose, verschwitzt und mit Basecap eindeutig Tourist bin. Trotzdem oder gerade deswegen bietet er mir die Hälfte seines Brownies an. Er ist Buchhalter für eine der großen Yacht-Unternehmen und sagt lächelnd, diese Dinger seien nur was „for the big fish, not for us“. Nach gut zwei Minuten Einblick in das vermutlich spannende Leben eines Finanzmenschen in Monaco geht er seiner Wege. Lustige Situation.

Eine der kleineren Yachten
Das Meer darf man hier bewundern, einen Strand gibt es aber nicht – er musste eventuell dem Hubschrauberlandeplatz nebenan weichen

Dass wir uns hier in einer anderen Welt befinden, wird auch an den vielen Defibrillatoren deutlich. Das ist zwar vorbildlich, aber der Zusammenhang von Reichtum und Alter scheint nahe zu liegen. Außerdem funktioniert mein europaweiter Handytarif in dieser kleinen Bucht nicht – wie gesagt, alles ist anders.

Menton

Unser nächstes Airbnb liegt an einem Ende von Menton, das ist in der Nähe von Nizza. Ich würde nicht behaupten, Menton jetzt zu kennen, denn wir haben in den wenigen Stunden, die wir hier verbringen, keine Zeit, die Innenstadt zu besichtigen. Das Navi lotst uns am Meer entlang und irgendwann ins Landesinnere. Sofort wird es steil, die Straßen sind eng und würden in Deutschland niemals zweispurig genutzt werden. Plötzlich heißt es, wir hätten das Ziel erreicht, dabei befinden wir uns mitten auf einer der engen Landstraßen. Neben uns sehen wir ein rostiges Tor und dahinter liegt das, was man mit viel Wohlwollen als verwilderten Parkplatz mit Carport bezeichnen kann – ganz sicher bin ich aber nicht. Wir parken das Auto und schicken einen Späher los, der die Lage sondieren soll.

Es stellt sich heraus: Wir sind hier ganz richtig. Das Haus befindet sich auf einem uralten und ziemlich steilen, in Terrassen angelegten Gelände. Auf den schmalen Terrassenstreifen wachsen einige Obstbäume. Während wir unsere schweren und riesigen Überseekoffer bei 30 Grad ein halbes Dutzend Kehren zum Haus hoch tragen, fluche ich laut vor mich hin. Am Haus angekommen verstumme ich allerdings, denn ich stelle überrascht fest: Hier haben wir wieder ein besonderes Kleinod vor uns.

Das aus Steinen gebaute Haus erzählt schon von außen eine Geschichte: Eine der zwei Terrassen liegt im Schatten einer sehr alten Weinpflanze, deren Wurzelwerk fast einen Meter dick ist. Die Fenster des Hauses werden von altmodischen Fensterläden verziert und die im nahen Unterholz versteckten und verwitterten Spiel- und Arbeitsgeräte zeigen, dass hier schon Generationen ein und aus gingen.

Die rostigen Metallstreben haben sicher schon einmal Wein gehalten – jetzt sind sie bereit für die nächsten Reben

Im Innern des Hauses geht es genau so weiter: Rohe Steinwände, ein alter, gemauerter Kamin, ich finde auch eine Packung Kautabak in einer aufziehbaren Uhr. Trotz der Hitze draußen ist es hier angenehm kühl. Dass das WLAN schlecht ist, kümmert mich – eine Seltenheit – in diesem urigen Gebäude nicht. Stattdessen erfreuen sich die Erwachsenen am Gasherd, während die Kinder das Gelände erkunden. Es gibt Brombeeren, Limetten und Weintrauben zu probieren und der eine oder andere Salamander ist auch zu entdecken. Das urige Gelände lädt wirklich zu einem längeren Urlaub ein.

Abends klönen die anderen im Haus, während ich mich auf die nicht überdachte Terrasse auf einen Liegestuhl begebe. Die Luft ist angenehm kühl, im Tal fahren wenige Autos und die meisten Geräusche sind die der Natur. Für einen kleinen Moment habe ich richtigen Urlaub.

Ein Blick auf die Berglandschaft, unsichtbar versteckt darin die schmale Landstraße

Tag 8 – Ein letzter Kaffee

Der nächste Tag ist Abreisetag für uns zwei „Reiseführer“, unsere Freunde aus Asien bleiben unter professioneller Führung noch ein wenig länger. Nach einem gemütlichen Frühstück packen wir zwei unsere Sachen.

Nizza

In Nizza waren wir bei der vergangenen Tour auch. Wir haben damals zwar nur die Altstadt besucht, aber zumindest dieser Teil der Stadt war schön anzusehen und auch spät abends noch sehr lebendig. Gerne hätten wir den einen oder anderen Abend hier verbracht und auch einmal von einem der großen Aussichtspunkte die Bucht angeschaut – aber dafür reicht die Zeit nicht.

Stattdessen fahren wir an der Altstadt vorbei und treffen in einem Café den Berufs-Reiseführer, der nun übernimmt. Nach einer kurzen Lagebesprechung geht’s zurück ins Auto und ich knipse im Vorbeigehen ein Foto in eine Stichstraße.

Das einzige Foto in Nizza – wer genau hinsieht, kann das Meer erkennen

Anschließend bringen wir uns selbst zum Flughafen, sagen tschüss und eilen zum Gate – denn wir sind spät dran. Der Flug nach Hause ist kurz und wir sind überrascht, wie kalt es in Köln ist.

Fazit

Der Urlaub begann mit einer verfrühten Anreise unserer Gäste und endete mit einem plötzlichen Abschied. Unsere Freunde setzen ihre Tour nun fort und fahren entlang der Küste von Nizza nach Marseille und dann nach Norden in die Provence, besichtigen einige Orte in der Schweiz und biegen dann ab zurück nach Deutschland, um dort mit einem Abstecher über ein Outlet Shopping Center, Schloss Neuschwanstein und den Starnberger See von München aus zurück nach Hause zu fliegen.

Insgesamt klingt das für zwei Erwachsene und drei Kinder nach einer anstrengenden Tour. Bestimmt haben sie sich nach der Rückkehr etwas erholen müssen, aber uns erreichten fröhliche Grüße aus China mit einigen Fotos von der Reise.

Trotzdem: Zwei Mal habe ich solch eine privat organisierte Rundtour jetzt schon begleitet, das erste Mal eine ähnliche Route, nur gegen den Uhrzeigersinn und ohne Ablösung. Auch wenn man in kürzester Zeit maximal viele Orte besucht – der Preis ist, dass man selten länger als eine Nacht bleibt und dadurch einem ziemlich starken Strom an ständig neuen Eindrücken ausgesetzt ist. Außerdem sitzt man auch häufig und lange am Steuer.

Dank der vielen Fotos kann ich zu Hause entspannt noch einmal nachvollziehen, was wir eigentlich alles gesehen haben…

Tschüss, Nizza, ich würde gerne mal wiederkommen!

„Machst du die kleinen Kuchen?“

Ein Teil meiner Familie kommt aus Frankreich. Nicht, dass ich deshalb besonders gut Französisch sprechen könnte, ich hatte stattdessen einfach nur die Chance, es zu lernen, habe es aber vergeigt. Dennoch: In meiner Jugendzeit haben wir ab und zu kleine private „Schüleraustausche“ gemacht.

Meine Cousins waren einmal eine Woche hier – und machten sich über unseren äußerst unsympathischen Französischlehrer lustig. „Er macht lauter Grammatikfehler!“

So kam es, dass eine Klassenkameradin und ich dann zum Austausch in Frankreich waren. Der französische Teil meiner Familie ist sehr groß. Jeden Tag gingen Menschen ein und aus, bei jeder Mahlzeit sahen wir neue Gesichter und ständig war der Tisch mit mindestens zehn Leuten besetzt. Dieser Familienzweig bewohnte damals in einem kleinen Städtchen ein ehemaliges Kloster mitsamt Kirchturm, Kapelle und Friedhof. Entsprechend groß fielen auch die übrigen Räume aus: Es gab viele Zimmer, den großen Essraum mit langem Tisch und eine große Küche.

Wir waren schon ein paar Tage da, als mein Cousin fragte, ob ich denn vielleicht die „petit gâteaux“ zubereiten könnte – die kleinen Kuchen. Er habe sie beim letzten Deutschlandbesuch von uns bekommen. Wovon redete der Mann? Es brauchte eine Weile und viele französische Erklärungsversuche, bis ich verstand, dass er Kräbbelchen von mir wollte. Kräbbelchen, auch Krapfen genannt, sind in siedendem Fett ausgebackene Hefeteigbällchen. Ziemlich fettig und ziemlich lecker.

Nun, da klar war, was er wollte, ging es an die Herstellung. Es gab noch kein Internet, also telefonierten wir nach Hause, ließen uns das Rezept diktieren und machten uns an die Übersetzung. Das war natürlich eine toller Nebeneffekt für den Schüleraustausch – Vokabeltraining!

In unserem Rezept kam ein Schuss Alkohol dazu, ich glaube Cognac. Vermutlich wäre er nicht nötig gewesen, aber wir wollten das Rezept richtig nachbacken. Mehl und Zucker waren kein Problem, aber der Alkohol stellte sich als schwierig heraus. Jemand trieb dann aber bei einem der älteren Familienmitglieder eine irgendeine Flasche auf.

Meine Klassenkameradin und ich machten uns an die Zubereitung. Wir hatten angesichts der großen Familie das Rezept verdoppelt und hantierten mit großen Schüsseln, die für uns zwar ungewohnt, in der riesigen Küchenhalle allerdings mehr als angebracht waren.

Nachdem die ersten Kräbbelchen das heiße Fett verlassen und mit Puderzucker bestäubt waren, durfte mein Cousin das Ergebnis probieren. Er verzog das Gesicht – irgendetwas stimmte nicht. Wir aßen die nächsten Kräbbelchen und stellten einen starken Alkoholgeschmack fest. Ein paar Vokabelübungen später war klar: Wir hatten einen ganz besonders intensiven Weinbrand erwischt, der uns nun den ganzen Geschmack verhagelte.

Es gab also zwei Optionen: Wir hätten den ganzen Rohteig wegwerfen können. Das wäre aber natürlich zu schade gewesen, also verdoppelten wir stattdessen die restlichen Zutaten – und nach einer Probe sogar ein drittes Mal.

Schlussendlich gab es also die sechsfache Menge an dann sehr leckeren Kräbbelchen, die wundersamerweise auch restlos verschwanden. Die Familie war glücklich, meine Klassenkameradin und ich auch. Wir hatten zwar nicht geplant, einen halben Tag lang Teig in blubberndes Fett zu tunken, aber das Ergebnis hatte sich sehen lassen können.

Und so habe ich als Jugendlicher kiloweise „petit gâteaux“ in einem ehemaligen französischen Kloster gebacken.


Foto: Oleksandr Kurchev

„Husten Sie mal.“

Doktorin zieht sich Handschuhe an

Ich komme aus einer Generation, in der die Musterung noch unabwendbar zur Jugend aller Männer gehörte. Für diejenigen, die sich nicht erinnern, es verdrängt haben oder zu jung sind: Seinerzeit gab es noch die Wehrpflicht. Um einzuschätzen, für welche Aufgaben im Militär man geeignet war, musste die sogenannte Musterung durchgeführt werden. Ein sensationelles Erlebnis!

Alles begann mit einem Brief

Eines Tages erhielt ich die Benachrichtigung, dass ich meinen Wehrdienst leisten würde. Verfasst in bestem Bürokratiedeutsch wurde mir mitgeteilt, wann ich zur Musterung zu erscheinen habe. Ach, und falls ich es wagen wolle, den Wehrdienst zu verweigern, solle ich vorher einen entsprechenden Brief schicken. Unentschuldigtes Fehlen würde geahndet, blabla. Das sorgte natürlich für gute Laune.

Ich hatte mir schon lange vorher überlegt, dass ich den Wehrdienst nicht leisten wollte. Also kopierte ich den Text der Verweigerung, der in diesen Wochen im Freundeskreis kursierte, änderte ihn leicht ab und sandte ihn der zuständigen Stelle. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Meine Verweigerung wurde abgelehnt. In mehreren Absätzen teilte man mir verschwurbelt mit, ich habe meine Unterschrift vergessen. Beim zweiten Versuch klappte es, aber man teilte mir mit, dass ich dennoch zur Musterung erscheinen würde.

Erstmal umziehen

Am großen Tag war ich trotz der Verweigerung ziemlich aufgeregt. Wenn ich mich richtig erinnere, bekam ich dafür sogar schulfrei. Beim Eintreffen stellte ich fest, dass ich zu einer Gruppenparty eingeladen war: Dort standen weitere junge Männer, die ebenfalls ihre Ladungsunterlagen nervös in den Händen hielten.

Man zeigte uns einen kleinen Umkleideraum, in dem wir uns sportliche Kleidung anziehen sollten. Wir verhielten uns möglichst gelassen, doch brodelte es sicherlich in jedem ähnlich: „Was haben die genau mit mir vor?“

Es folgten eine ganze Reihe kleiner Prüfungen, unter anderem ein Farbsehtest und einer zur Ausdauer. Außerdem durfte ich in einer kleinen Kabine Platz nehmen und einen Knopf drücken, sobald ich aus Kopfhörern ein leises Fiepen vernahm. Ich fand das alles recht harmlos.

„Nehmen Sie eigentlich Drogen?“

Das Gespräch bei einer Ärztin war da schon etwas spezieller. Es wurde erstaunlich persönlich, ging über Vorerkrankungen meiner Familie, meine Lebenssituation und ob ich Drogen nehmen würde. Schlussendlich sollte ich noch eine Urinprobe abgeben und wurde von ihr in ein kleines Sonderzimmer geschickt, das direkt hinter ihrem Schreibtisch lag.

Ich schloss die Tür hinter mir – Stille. Ob sie jetzt wohl zuhörte? Wie lange ich wohl Zeit hätte? Eigentlich musste ich gar nicht auf die Toilette, also stand ich kurz etwas unschlüssig herum. Meine Aufgabe war aber klar, also tat ich mein Bestes und öffnete eine Weile später stolz strahlend die Tür zu diesem seltsamen chambre séparée und stellte ihr den halb gefüllten Becher auf den Schreibtisch. Irgendwie schien ihr das nicht so recht zu sein.

„Ich werde Sie jetzt da unten anfassen.“

Das Beste stand mir aber noch bevor. Nach einer kleinen Pause im Umkleideraum – samt möglichst coolem Smalltalk mit den ebenso verstörten Leidensgenossen – ging es in ein großes Untersuchungszimmer. Eine Ärztin stellte sich und ihre Kollegin vor, die an einem Schreibtisch vor vielen Unterlagen saß. „Meine Kollegin wird die Messergebnisse mitschreiben. Sie befassen sich bitte nur mit mir.“

Ich wurde gewogen und vermessen und erhielt den Hinweis, dass ich wegen meiner Skoliose natürlich nie würde gerade stehen können. Das war mir bis dahin neu gewesen. Anschließend sollte ich mich bis auf die Unterhose ausziehen und auf ein Blatt Papier stellen.

„Und als letztes werde ich Sie jetzt am Hoden betasten. Bitte ziehen Sie Ihre Unterhose herunter.“

Heutzutage weiß ich, dass diese Untersuchung wirklich sinnvoll ist. Den Grund dafür eröffnete die unfreundliche Ärztin mir aber leider nicht. Auch die Tatsache, dass ihre Kollegin am Schreibtisch saß und sehr genau dabei zusah, wie ich schüchtern meine Unterhose herunter zog, war nicht gerade angenehm.

„Und jetzt husten Sie bitte einmal.“

Auch das gehört zu der Untersuchung. Ich hüstelte. „Stärker.“ Leider war mir überhaupt nicht nach Husten zumute. So musste ich einige Male aufgefordert werden, doch bitte noch stärker zu husten… Einen derart skurrilen Moment vergisst man nicht so schnell.

Glücklicherweise wird diese leicht traumatische Erfahrung heutzutage nicht mehr in die Pubertät junger Männer eingeflochten. Diese Phase ist ohnehin schon schwer genug.