Chiropraktik beim Heilpraktiker

Männlicher Oberkörper mit Markierungen für Akupunktur, im Hintergrund homöopatische Kräuter

Ich liege bäuchlings auf einer hüfthohen Liege, mein Kopf wird von einem gepolsterten Metallring gehalten und ich höre entspannende Instrumentalmusik. Momentan sehe ich nur eine Packung Taschentücher und eine kabellose Türklingel, die mit „Hilfe“ beschriftet ist.

Das ist die Aussicht, wenn man bei meinem Heilpraktiker in Behandlung ist und sich 20 Minuten nicht bewegen darf, damit die Nadeln ihre Wirkung entfalten können.

Am Anfang war der Schmerz

Neulich hat es mich erwischt: ein Hexenschuss. Und weil ich manchmal gründlich bin, kam nach einer Woche die blöde Frau auf ihrem fliegenden Besen gleich ein zweites Mal vorbei.

Ein Hexenschuss sei „ein plötzlich auftretender, stechender und anhaltender Schmerz, insbesondere im Lendenwirbelbereich, mit nachfolgenden Bewegungseinschränkungen“, sagt die Wikipedia. Das kann ich so bestätigen. Der Auslöser: ich musste niesen. Dafür wurde ich oft belächelt, die Ärzte fanden den Grund aber ganz normal.

Und so läuft es dann ab: Man denkt an nichts Böses – erst recht nicht an fiese Hexen – und niest. In dem Moment zuckt es im unteren Rücken so ähnlich wie wenn eine Sehne über einen Knochen rutscht. Ab dann tut es weh und hört eigentlich auch nicht mehr auf, außer, man findet auf dem Sofa die perfekte Liegeposition. Gerades Gehen ist nicht mehr möglich und an seine Füße kommt man so gut wie gar nicht mehr heran. Socken und Schuhe werden zum Problem, Toilettengänge und Duschen zur Herausforderung.

Warum kein Orthopäde?

Das hat verschiedene Gründe. Zunächst habe ich mit Fachärzten terminliche Schwierigkeiten – ich bin gesetzlich versichert. Außerdem hatte ich speziell mit Orthopäden bislang wenig erfreuliche Erlebnisse.

Obendrein kenne ich die Chiropraktik seit vielen Jahren. Was ich bislang von Einrenkungen anderer Art gehört habe, ist dagegen ziemlich gruselig: „Entspannen Sie sich und zählen laut bis drei.“ – „Okay. Eins, zw…“ – KNACK!

Ich kann nicht behaupten, ich wüsste, was beim Heilpraktiker esoterisch gesehen exakt mit meinem Körper geschehen soll. Ob sich dort Chakren öffnen oder schließen, Lebensströme wieder ausgerichtet werden oder was auch immer – das finde ich auch nicht so wichtig. Da ich für die Existenz derlei Dinge keinen Beweis kenne, muss ich erst einmal davon ausgehen, dass es sie nicht gibt. Was bei mir aber funktioniert, ist die Chiropraktik.

Der Hausarzt kann es auch

Mit den Hexenschüssen war ich wegen Terminproblemen auch einmal beim Hausarzt. Er faltete meine Arme und Beine über- und untereinander, drückte hier und da und schon konnte ich wieder gerade laufen.

Das war beeindruckend. Es knackte zwar drei Mal ordentlich, aber dafür hatte mein bis dahin schief gestelltes Becken wieder eine vernünfgite Position eingenommen. Wie gut es sich anfühlt, wenn man wieder gerade gehen kann!

Dennoch kommt mir diese Technik, selbst wenn sie sachte angewandt wird, immer etwas zu hemdsärmelig vor für meinen kleinen, schwachen Körper und seine brüchigen Knochen. Würde ich keinen Chiropraktiker kennen, wäre der Gang zum Hausarzt aber immer meine erste Wahl.

Was bei der Chiropraktik gemacht wird

Der erste Termin direkt nach Beginn der Rückenprobleme ist immer der beste. Ich mühe mich zur Praxis, im Zweifelsfall in Quasimodo-Haltung, ziehe mich oben herum aus, begebe mich auf besagte Liege und ergebe mich dem Schicksal.

Der Heilpraktiker prüft daraufhin den Sitz der einzelnen Wirbel meiner Wirbelsäule und weiß dann, welche schief sitzen: „Hier ist einer… da noch einer… das haben Sie aber wieder gründlich hinbekommen… und da unten noch zwei. Kein Wunder, dass das weh tut.“

Anschließend drückt er die schiefen Wirbel langsam wieder in die richtige Position. Das ist der Unterschied zum Orthopäden: Es wird nicht geknackt, sondern vorsichtig korrigiert. Das tut gar nicht weh sondern ziept nur ein bisschen.

Danach kommt das, was am meisten weh tut: Eine oder zwei Injektionen zum Beruhigen der verspannten Muskeln. Und das tut so weh, wie Nadeln es nun mal tun. Die Muskeln sitzen knapp unter der Haut, darum ist die Spritze nicht tief und somit ist das auch für Angsthasen wie mich sehr gut auszuhalten.

20 Minuten dösen

Nadeln – ja, die mögen manche Menschen nicht. Ich traute mich auch erst auf die Liege, nachdem ich das Prozedere mit eigenen Augen gesehen hatte. Das Stechen der dünnen Akupunkturnadeln piekst kurz, danach merkt man die Nadeln gar nicht mehr. Ich bekomme immer um die zehn Stück in den Rücken gesetzt. Anschließend werden – und da verzieht in der Regel auch der letzte Zuhörer das Gesicht – die Nadeln unter Strom gesetzt. Nur ein bisschen, so dass es ganz leicht kribbelt. Das regt die Muskeln an.

Und dann, ja, dann darf man sich entspannen. Eine gemütliche Decke gibt’s noch, damit man nicht friert, und die nächsten 20 Minuten wird man allein gelassen. In der Zeit fühlt man im Rücken nichts, weder Pieksen noch Kribbeln. Nur bewegen sollte man sich am besten nicht: Die Nadeln stecken in Muskeln und wenn die sich bewegen, fühlt es sich komisch an. Ich habe so beim Herumliegen schon über Blogeinträge und Einkaufslisten nachgedacht, einfach nur der Musik zugehört oder tatsächlich häufig auch geschlafen. Das soll übrigens wenig überraschend am besten für die Muskelentspannung sein.

Aufwachen

So kommt es also, dass ich auf der Liege liege. Den „Hilfe“-Klingelknopf habe ich übrigens noch nie gebraucht. Er kommt zum Einsatz, wenn man sich bewegen muss, zum Beispiel weil die Blase zu sehr drückt, oder wenn etwas weh tut.

Mit einem vorsichtigen „guten Morgen“ betritt der Heilpraktiker das Zimmer. So wird man nun mal lieber geweckt als mit großem Holterdiepolter. Strom aus, Decke weg, Stromkabel weg, Nadeln raus, das alles kitzelt nur. Abschließend gibt’s noch ein bisschen Öl auf die Wirbelsäule und voilà – von der Liege erhebt sich ein völlig neuer Mensch.

Im Sitzen werden noch kurz die Halswirbel gecheckt und gegebenenfalls korrigiert, denn das geht im Liegen nicht. Und das wars. Die ganze Geschichte dauert vielleicht 40 Minuten. Ich habe je nach Schwere der Schmerzen abends noch mal Beschwerden, am nächsten Morgen ist es aber in der Regel wieder gut.

Na ja, bei den Hexenschüssen dauert das Ganze viel länger, aber das ist auch ein Sonderfall. Einmal hatte ich Brustschmerzen und konnte nicht mehr tief einatmen, dachte schon, ich hätte mir eine Rippe gebrochen. Dabei kam das aus der Brustwirbelsäule…

Fazit

Seit über zehn Jahren gehe ich jetzt schon zu Heilpraktikern. Die Esoterik dahinter ist für mich nicht wichtig. Ich weiß nur, dass ich mit Schmerzen hin gehe und mit weniger oder keinen wieder nach Hause fahre. Das ist ein Vorteil gegenüber Ärzten. Der größte Nachteil sind natürlich die Kosten: die muss ich bei meiner Krankenkasse selbst tragen. Eine Zusatzversicherung macht Sinn, wenn man häufiger hin geht.

Es ist ein Erlebnis fern jeder Arztpraxis: man nimmt sich Zeit, es gibt kein Wartezimmer, man hört Musik und kann schlafen. Ich empfehle darum jedem, der mir von Rückenschmerzen erzählt, das vorsichtige Begradigen der Wirbel – bei welchem Arzt auch immer.

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