Der Schock des Lebens

Achtung: In diesem Artikel geht es in einer makaberen Weise um den Tod. Bitte lies ihn nicht, falls das nichts für dich ist.

Vor vielen Jahren arbeitete ich in einem Seniorenheim als Zivi. (Für die Jüngeren unter euch: Damals musste man sich noch für einige Monate Militär oder Zivildienst entscheiden.) Es war ein kleines Haus mit wenig Betten und durch die Größe entstand ein recht familiäres Umfeld, das war wirklich schön.

Für mich als Zivi bedeutete die Zeit dort viel körperliche, aber auch geistige Arbeit, denn noch nie hatte ich mich so viel mit dem Leben und vor allem auch mit dem Sterben auseinander gesetzt. Zwar mussten wir nicht jede Woche das Beerdigungsinstitut rufen, doch in meinen knapp anderthalb Jahren doch etwa fünf bis acht Mal. Trotzdem war der Tod allgegenwärtig, denn „das ist es doch, was wir hier tun: Wir warten darauf, hier zu sterben.“ So drückte es Frau S. einmal frech grinsend aus – dazu fiel einem Ungelernten wie mir dann auch wenig ein.

Eines Abends im Spätdienst war klar, dass es um Frau S. schlecht stand. Sie war eine fröhliche Person, die auch den einen oder anderen Scherz mit uns Mitarbeitern gemacht hatte, aber nun war einfach ihre Zeit gekommen. Übrigens ist es so, dass Menschen kurz vor ihrem Tod oft noch einmal aufleben. Es ist, als wüssten sie, dass es Zeit ist, und als hätten sie ihren Frieden damit gemacht. Selbst Menschen, die nicht mehr sprechen oder sich bewegen können, hellen dann merklich auf, so als würde es ihnen wieder besser gehen. Gleichzeitig sieht man bei vielen ein verräterisches helles Dreieck um die Mundregion – beides sind Zeichen, die Angehörigen zu verständigen. Die freundliche Frau S. zeigte beide Symptome und wir hatten ihre Familie schon angerufen. Am nächsten Morgen würden sie anreisen. Bevor ich meinen Dienst beendete, konnte ich mich aber noch mit ihr unterhalten, wir sprachen über „alte Zeiten“ – wobei ihre viel weiter zurück reichten als meine, was den einen oder anderen Lacher mit sich brachte.

Am nächsten Tag hatte ich wieder Spätdienst und erschien genau zur Mittagszeit zur Arbeit. Die Kolleginnen waren wie zu dieser Uhrzeit üblich im Stress, denn alle mussten in den Speisesaal geleitet oder gebracht werden, den bettlägerigen Menschen mussten wir das Essen bringen oder anreichen. So stand ich also frisch auf dem Flur und wollte gleich anfangen, da fing mich eine der Kolleginnen ab: „Ach, gut, dass du da bist. Hier ist total viel zu tun. Kannst du bitte kurz Frau S. das Essen anreichen? Sie liegt schon im Sonderzimmer, das Essen ist auch da.“

Da es in dem Seniorenheim fast nur Doppelzimmer gab, war das mit dem Sterben so ein Problem: Manchmal braucht es dafür nun mal einige Tage, und um demjenigen in dieser Zeit Ruhe und auch den Angehörigen eine Rückzugsmöglichkeit zu bieten, gab es einen separaten Raum, in den wir die sterbenden Menschen dann brachten. Dass dort noch jemand etwas essen würde, war allerdings mehr als unüblich. So muss ich auch blöd geschaut haben, denn meine Kollegin scheuchte mich result und keine Widerrede duldend in den Raum.

Da stand ich also. Frau S. sah wirklich nicht gut aus, sehr blass und keineswegs so, als würde sie noch irgendeine Art Mahlzeit zu sich nehmen können. Ich stellte mich neben sie und sprach sie an, aber sie reagierte nicht. Ich dachte, sie würde vielleicht schlafen, fasste sie also an der Schulter an und bemerkte auch dann noch nicht so richtig, dass ihr Hemd zu kalt war. Als sie sich immer noch nicht rührte und auf mehrmaliges „hallo, Frau S., es gibt Essen!“ nicht reagierte, stupste ich sie vorsichtig an. Ihr Körper bewegte sich in einer völlig seltsamen Art und Weise – später erfuhr ich, dass der Grund dafür die Leichenstarre war. Ich war geschockt – Frau S. war tot und niemand wusste es? Ich rannte zu den Kolleginnen und erzählte ihnen zitternd, dass Frau S. offenbar gestorben sei, jedenfalls sähe sie danach aus.

Und meine Kolleginnen? Sie lachten. Frau S. war schon in der Nacht verstorben, die Angehörigen waren auch schon da gewesen und das Bestattungsunternehmen würde bald eintreffen. Sie hatten sich einfach einen Scherz mit mir erlaubt.

Ob das lustig ist, das soll jeder selbst entscheiden. Frau S. hätte es womöglich sogar selbst amüsant gefunden. Einige Kolleginnen fanden die Idee sehr witzig, andere weniger, manche waren sogar sauer über diesen makaberen Scherz mit mir, der ich gerade volljährig geworden war. Die Kollegin, auf deren Mist das ganze gewachsen war, erwiderte dann aber: „Stellt euch nicht an. Mir haben sie damals in der Ausbildung eine frisch amputierte Hand in einem Eimer gegeben und nur gesagt: ‚Bring das mal in den Keller.'“

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