Entschleunigung

Es war einmal ein alter Indianerstamm. Sie lebten zufrieden in ihrer eigenen Indianerwelt, ihr einziges Fortbewegungsmittel waren die Pferde. Eines Tages kam ein Mann aus der Stadt in seinem Auto zu ihnen. Er hielt direkt in der Mitte ihres Lagers und präsentierte sein Gefährt. „Wer will mitfahren?“ fragte er, und der Häuptling war interessiert. So ließ der Mann aus der Stadt den Häuptling einsteigen und fuhr mit durchdrehenden Reifen los.

Er fuhr auf die nächste Hauptstraße und gab richtig Gas. Die Felsen und Sträucher flogen an ihnen vorbei, bis der Häuptling plötzlich „Stopp!“ rief. „Nein“, antwortete der Mann aus der Stadt, „jetzt geht es doch erst richtig los! Gleich kann ich noch schneller fahren.“ So rasten sie noch eine Weile, bis der Häuptling wieder rief: „Anhalten!“ Nun stoppte der Mann aus der Stadt das Auto. Der Häuptling stieg aus und setzte sich im Schneidersitz an den Straßenrand. „Was ist denn nun“, sagte der Mann, „steig wieder ein, ich will dir doch noch die schnelle Strecke zeigen.“

„Moment“, antwortete der Häuptling, „ich muss warten, bis meine Seele auch hier angekommen ist.“

Die vergangene Nacht

Die vergangene Nacht war besonders. Ihr wart zusammen weg, erst essen, dann in eine Bar, in eine zweite und irgendwann fandet ihr euch auf einer Tanzfläche wieder, wie das eben so passiert. Die Musik dröhnte, genau richtig also, man konnte sich nicht mehr unterhalten, aber das wolltet ihr auch nicht. Die einzige Verständigung war die Körpersprache und dir fiel wieder einmal auf, wie gern du Zeit mit ihm verbringst.

Die vergangene Nacht war laut, in der Bahn zurück musstet ihr euch anschreien, weil die Musik in euren Köpfen nachhallte. Der Alkohol wird einiges dazu beigetragen haben, aber egal, das gehört so. Auf dem Nachhauseweg erzähltet ihr euch eure peinlichsten Erfahrungen, machtet extra noch einen Umweg, um länger reden zu können. Nahmt Pizza mit auf den Spielplatz und veranstaltet ein Wettschaukeln.

Die vergangene Nacht war lang, aber keine Sekunde verschwendet. Ihr wart wieder Kinder, die nicht schlafen wollen, fandet immer neue Gründe, noch nicht ins Bett gehen zu müssen. Irgendwann kam die Müdigkeit doch – dämmerte es etwa schon? Arm in Arm machtet ihr euch auf den Weg zu dir, jeder mit einem kalten Rest Pizza in der Hand. Zu Hause machtest du euch einen letzten Drink, „der muss jetzt noch sein“, „aber klar, es wird ja erst hell“, Lächeln.

Die vergangene Nacht war es wert, einen Kater hattet ihr beide lange nicht, „ich kann mich gar nicht erinnern, wann“. Nach dem Drink ins Badezimmer, dem anderen das Licht ausschalten, albern, weiter lachen. Dann ins Bett, „klar schläfst du hier bei mir“, nicht ohne Hintergedanken. Und beim Zwitschern der Vögel schlieft ihr miteinander, mit viel Spaß, Hingebung, voller Gefühle und Emotionen.

Die vergangene Nacht war ein Traum, auch beim Aufwachen am Mittag. Er lächelte dich an, wirkte zufrieden, du auch, und „nur ein bisschen Kopfschmerzen. Kaffee?“ Klar, sagte er, und fügte später hinzu, er freue sich, dass er zum Frühstück bleiben dürfe. „Ich hab dich gerne bei mir“, und wieder Lächeln. Nach dem Essen musste er gehen, schade eigentlich, aber ihr vereinbartet, es zu wiederholen. Auch wenn du wusstest, dass solche Nächte nicht planbar sind, vielleicht klappt es ja doch.

Die vergangene Nacht war besonders.

Er ist gegangen, du sitzt noch ein wenig am Frühstückstisch und lässt die Gedanken schweifen. So hattest du es gar nicht vor gehabt. Klar, er war nett, sympathisch, sogar anziehend. Aber bis zum Morgengrauen hast du es seit Jahren nicht ausgehalten. Die richtige Menge an Alkohol? Wohl eher die richtige Menge an Mensch. Du siehst gedankenversunken aus dem Fenster über die Stadt… da riechst du es. Oder: ihn. An dir. Ihr seid beieinander eingeschlafen und aufgewacht, viele Stunden Haut an Haut, Warm an Warm, jetzt merkst du, dass dir ein fremder Geruch anhaftet. Die durchtanzte Nacht? Auch, aber hauptsächlich er. Anregend. Wiederholenswert.

Du beschließt, erst später zu duschen und räumst den Frühstückstisch auf. Immer noch lächelnd, schnuppernd, genießend.