Weihnachtszeit, Zeit der Besinnlichkeit

Tatsächlich? Ich habe ja die Theorie, dass die gerne zitierte Auszeit „zwischen den Jahren“ schlichtweg gar nicht anders möglich ist. Denn jeder hat sich in den Wochen vor Heiligabend einfach so dermaßen verausgabt, dass man vor lauter Erschöpfung nichts mehr leisten kann. Also, nichts außer Essen, Trinken und Weihnachtsfilme schauen.

Wobei das ja nicht komplett stimmen kann. Hätte ich Recht, würden sich nicht an den Weihnachtsfeiertagen kilometerlange Staus auf den Autobahnen und ewige Warteschlangen an den Kassen dieser Welt bilden. Ach ja, wir haben es schon schwer.

Weihnachten als Beginn der „besinnlichen Zeit“ steht – so lässt es sich zumindest im Internet lesen – für viele für das Ende einer stressigen und den Beginn einer, nun ja, anders stressigen Zeit. (Übrigens: Bin ich der einzige, der in beruflichen E-Mails die Formulierung „wünsche ich Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit“ absurd-albern findet? Vielleicht möchte ich gar nicht besinnlich sein!) Wegen des Ärgers, den das alles mit sich bringt, und wegen den damit verbundenen Situationen an Kassen, auf Straßen und vor allem im eigenen Terminkalender spreche ich mich für eine Liberalisierung der Weihnachtszeit aus.

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Aber wie könnte das aussehen? Tja, das weiß ich leider auch nicht so richtig. Es gibt Menschen, die der „Besinnlichkeit“ tatsächlich etwas abgewinnen können, die in „Weihnachtsstimmung“ kommen und die Zeit sogar herbeisehnen. Menschen wie ich, die Grinchs dieser Welt, würden, wenn all unsere Anti-Weihnachts-Wünsche in Erfüllung gingen, an Heiligabend und den Feiertagen komplett durcharbeiten müssen. Denn es wäre nicht richtig, die mit Weihnachten verbundene Arbeit abzulehnen, dafür aber die freie Zeit dankend anzunehmen.

Hm, damit wäre ich auch wieder nicht zufrieden. Nein, meine ideale Weihnachtszeit sähe so aus: Ab Anfang Dezember Vorfreude auf ein paar Tage gesetzlichen Urlaubs Ende des Monats. In den nächsten Wochen möglicherweise Zusammenstellung von Keksrezepten, Backen nach Laune und Zeit. Eventuell Besuch eines Weihnachtsmarktes. In den letzten Tagen vor Weihnachten dann die Überlegung, was in den freien Tagen auf den Tisch kommen soll. Ab dem 24. Dezember dann Urlaub bis Neujahr, je nach verfügbaren Urlaubstagen davor und/oder danach auch etwas länger. Mit Heiligabend begänne dann eine Zeit des Faulseins, sprich langen Tagen im Bett oder auf der Couch, je nach Wetter auch diversen Schneespaziergängen.

Im Grunde wäre die Zeit geplant wie ein Sommerurlaub, nur ohne Wegfahren (wobei das natürlich auch eine Option ist, und die habe ich in den letzten Jahren sogar immer gewählt). Was in meiner idealen Weihnachtszeit übrigens nicht vorkommt, sind erzwungene Familienbesuche sowie ideenlose Geschenkkäufe mitsamt peinlichem, gegenseitigem Zusehen beim Auspacken der Gaben.

Und was den Bezug zur biblischen Grundlage für die gesetzlichen Feiertage angeht, kann ich sogar auch etwas bieten, wenngleich meine Interpretation vielleicht etwas weit hergeholt ist: Ruhe. Zwischen Lebkuchen und Raketen überlegen, wie das vergangene Jahr war. Was war gut, was weniger, was war neu, was ist geblieben? Und: Was bringt das neue Jahr, was soll besser werden, was bleiben? Ich habe mir angewöhnt, in der Zeit einmal die letzten zwölf Monate Revue passieren zu lassen. Es ist vor allem sehr spannend, zu lesen, was in den vorangegangenen Zeiträumen geschehen ist. Diese Handhabe steht so zwar nicht eins zu eins in der Bibel, ähem, aber das habe ich für mich so daraus mitgenommen.

Was müsste ich nun also tun, um das zu erreichen? Jetzt, wo ich einmal darüber nachdenke, fällt mir auf, dass dazu fast gar nichts mehr fehlt. Ich habe bereits die Freiheit, die ganze Zeit zu Hause zu verbringen und zu einem Familienbesuch wurde ich überhaupt noch nie gezwungen. Lediglich ideenlose Geschenkkäufe finden bei mir noch statt – aber dafür habe ich auch schon eine Lösung parat.

Vielleicht ist doch alles gar nicht so schlimm wie anfangs gedacht. Vielleicht reicht es, wenn jeder seine Weihnachten so lebt, wie er oder sie das möchte. Vielleicht tun die meisten das auch schon. Und ich lerne langsam, ganz wie der Grinch, dass all das Funkeln und die reindeer-roten Nasen auf dem Weihnachtsmarkt, am Tannenbaum und den Menschen gar nicht so böse sind. Sondern dass ich es bin, der das alles nur etwas zu pessimistisch interpretiert.

Traditionen leben von der eigenen Bereitschaft, sie für sich selbst auch immer wieder anzupassen. Sie leben aber auch von davon, dass man sich selbst der Tradition immer wieder anpasst. Und ganz tief drin weiß ich auch, dass ich mir eine Welt ohne Weihnachten gar nicht vorstellen könnte.

Ich wünsche euch wunderschöne Weihnachten, ob und wie auch immer ihr sie begeht.

Das war der letzte Beitrag für *.txt von Neon|Wilderness im Jahr 2015. Dieses Mal hieß das Wort »ruhig«. Danke für die tolle Blogger-Aktion! *.txt wird weitergeführt, hat mittlerweile sogar einen eigenen Facebook– und Twitteraccount und wird uns auch in 2016 weiter begleiten. Damit ist dies eins der Dinge, die in 2015 gut waren und die im nächsten Jahr bitte bleiben mögen.

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