Wenn Egoismus auf Touristen trifft

Es steht groß in der Yellow Press und klein in den seriösen Zeitungen: Dieser Tage ist jemand vom Kölner Dom gesprungen. Der junge Mann war gerade einmal 21 Jahre alt.

Ein trauriges Ereignis, das zwei Dinge offenbart: Erstens sind die Sicherheitsmaßnahmen am Dom nach den letzten Suiziden — denn darum handelt es sich laut der Zeitung zweifelsfrei — wohl nicht ausreichend verstärkt worden. Sprich, die Gitter, die solche Aktionen verhindern sollen, scheinen nicht sicher genug zu sein.

Zweitens gibt es Egoisten, die ihrem Leben auf «publikumswirksame» Weise ein Ende bereiten. Vorab: Sich umzubringen ist tragisch. Dass der junge Mann hier offensichtlich schlimme Probleme gehabt hat, ist unbestritten. Es geht mir auch nicht um die Frage, weshalb er sich zu der Tat durchgerungen hat. Stattdessen beschäftige ich mich damit, wie er es getan hat.

Jetzt könnte man sich fragen, warum ich das überhaupt tue, ich bin ja schließlich ein unbeteiligter Dritter. Das stimmt. Viele Menschen wären aber auch gerne ebenfalls unbeteiligte Dritte gewesen, hatten aber das Pech, an diesem Vormittag um zehn Uhr zufällig auf der Domplatte zu stehen.

Der 21jährige zog durch seine Entscheidung, sich mitten in die Menge zu werfen, Andere mit in sein Schlamassel. Und genau das finde ich nicht in Ordnung. Er hätte sich vorher überlegen müssen, mit welcher Methode er den geringsten Kollateralschaden anrichtet — der Kölner Dom steht da wirklich nicht auf Platz 1.

Nun mache ich es mir hier aber auch einfach: Es hat ja einen Grund, warum er auf den Dom klettert und nicht einfach den Toaster in die Badewanne wirft. Das gilt auch für all diejenigen, die sich auf Bahnschienen legen und damit für «Störungen im Betriebsablauf» sorgen. Das ist ein letzter Schrei nach Aufmerksamkeit. Weder will noch kann ich aber weiter in diese Richtung überlegen, dafür fehlt es an Hintergrundwissen. Aber selbst wenn ich wollte oder könnte: es bleibt dabei. Sie alle waren nicht fremdgesteuert, hatten ihren eigenen Willen und konnten eigene Entscheidungen treffen.

Und sich in dieser Art in Szene zu setzen finde ich persönlich unmöglich. Weil der Schmerz nicht mit dem eigenen Tod erlischt, sondern weil er auf die anderen übergeht. Auf all die Touristen, Passanten, Ärzte, Fahrgäste, Feuerwehrleute, Polizisten, Ladenbesitzer, Zeitungsleser und Zugführer — auf all diejenigen, die Anteil nehmen müssen, ob sie wollen oder nicht.

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