Gelesen: Yesteryear von Caro Claire Burke

11. Juli 2026 · Kommentieren

Thriller, Satire, Fantasy oder Krimi? Von allem ein bisschen. Ein spannendes Buch, dessen Ich-Erzählerin eine unfassbar unsympathische, geradezu abstoßende Person ist.

Uff, das war ein anstrengendes Buch! Natalie ist ein sogenanntes Tradwife, also eine Person, die das „traditionelle Leben“ in einer Familie propagiert: Die gute Ehefrau, die die Kinder betreut, selbst backt, Gemüse anpflanzt, eine komplette Farm schmeißt und ihren Ehemann – der die schweren und handwerklichen Aufgaben übernimmt – in jedem Belang glücklich stellt.

Doch auf den ersten Seiten wird klar: Das ist alles nur Show. Yesteryear, so der Name der Farm, ist ein knallhartes Business. Es gibt zwei Kinderbetreuerinnen, eine Produzentin, über ein Dutzend Farmarbeiter und ein ganzes Filmteam. Sie alle treten in den kleinen Filmschnipseln, die Yesteryear hunderttausenden Followern auf Social Media präsentiert, gar nicht auf. Stattdessen wird nur das glückliche Familienleben gezeigt, in dem sich auch die schwersten Aufgaben wie von selbst erledigen. Alles eine riesige Lüge, mit sehr viel Geld kreiert.

Für Natalie läuft es gut, bis sie eines Tages im 19. Jahrhundert aufwacht, auf einer Farm, die ihrer sehr ähnlich sieht, aber die es irgendwie doch nicht ist. Kinder und Ehemann sind vorhanden, aber auch die scheinen nicht sie selbst zu sein. Das Filmteam ist weg, es ist kalt, und sie muss plötzlich wirklich Brot backen, wirklich den Haushalt schmeißen, wirklich das tun, was sie die ganze Zeit vorgegeben hat zu tun. Stellt sich raus: Brot backen kann sie schon mal nicht.

Das Buch wird aus der Ich-Perspektive erzählt, Natalie schildert die Vorgänge, und sie ist äußerst unsympathisch. Das war einer der Gründe, weshalb ich mich mit dem Buch schwer tat. Sie ist eine arrogante Frau, die vorgibt, freundlich zu sein, aber über alles und jeden das Schlechteste denkt, selbst über ihre eigenen Kinder. Na, wie sehr kann man schon mitfühlen mit jemandem, der eine derartige Lebenslüge lebt.

Die Geschichte entwickelt sich in zwei Zeitlinien, der heutigen und der damaligen. Wie die Situation überhaupt entstehen konnte, ob Natalie von Aliens entführt wurde, ob sie in einem Paralleluniversum gestrandet ist, ob sie eine göttliche Prüfung ablegen muss oder Teil einer Show im Stil der Truman Show ist – das wird lange nicht enthüllt.

Natalie passt sich bis dahin allen neuen Erlebnissen und Situationen an, in beiden Zeitlinien lächelt sie professionell das allermeiste weg. In ihr brodelt es, nehmen die bösen Gedanken immer weiter zu, und es wundert mich, dass sie an keiner Stelle ein Magengeschwür oder Verdauungsprobleme bekommt.

Was das Buch für mich auch so schwer gemacht hat: Es hat in mir eine ganz eigentümliche Anziehung entwickelt. Ich wollte unbedingt wissen, wie es weiter geht, obwohl ich den Gedanken dieser fürchterlichen Frau ungern weiter folgen wollte. Ich wollte das Buch darum mehrfach abbrechen, aber jedes Mal hielt ich mir vor Augen, dass die Autorin genau das erreichen will: Ich mochte die Hauptfigur nicht, war aber von der Geschichte fasziniert.

Ich beendete das Buch an einem Samstag und buk später am Tag Muffins. Während ich den Teig rührte, verharrte ich in der Geschichte und fragte mich, wie schlimm das für ihre Kinder gewesen sein musste, eines Tages herauszufinden, dass sie für eine Social Media-Produktion missbraucht wurden. Und ob ich in der Lage wäre, im 19. Jahrhundert in einer kalten, spärlich beleuchteten Farmküche Heidelbeermuffins und einen Kaffee zuzubereiten. Ganz sicher nicht.

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