Am 23. April war Weltbuchtag, darum schreibe ich über einige Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen oder gehört habe und die mir ganz besonders gut gefallen haben. In Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel schauen wir Phil über die Schulter. Er lebt mit seiner Mutter Glass und seiner Zwillingsschwester Dianne in einem riesigen Haus, das viel zu viele Zimmer hat, die meisten betreten sie nie. Im Dörfchen werden sie komisch beäugt, nun, das ist ja auch verständlich, sie sind obendrein „die Neuen“.
Wir begleiten Phil dabei, wie er seine beste Freundin kennenlernt, sich über Liebe auf den ersten Blick wundert, wie er… also das ist insgesamt schwer zu beschreiben, merke ich gerade. Es ist ein Bildungsroman, der von Phils Geburt bis zur Volljährigkeit geht, und er erzählt dessen Suche nach einem Platz im Leben, könnte man vielleicht sagen.
Ich trete aus der Telefonzelle auf die Hauptstraße, wo träger Feierabendverkehr herrscht. Menschen hasten über die Gehsteige, erledigen letzte Einkäufe, Plastiktaschen in den Händen, Kinderwagen vor sich herschiebend. Jeder von ihnen müsste stehen bleiben und mich neugierig ansehen, weil mein Herz in alle Richtungen Funken sprüht.
Da alles mit allem zusammenhängt und der Autor Andreas Steinhöfel ganz wunderbar Fäden auslegt, die erste viele Seiten später verknotet werden, lässt sich ohne Spoiler nur wenig über das Buch sagen.
Ich habe – anders als der Autor, wie er im Nachwort offen zugibt – Phil gemocht. Apropos Nachwort: Steinhöfel schreibt, er habe Schwulsein unter anderem deshalb ins Buch aufgenommen, weil er findet, dass in der Jugendliteratur
Schwulsein bzw. Coming-out inzwischen [als Problemthema] abgehakt sein [sollten]. Es gibt ausreichend hervorragende Bücher, die sich damit auseinandersetzen. Die Mitte der Welt war auch der Versuch, einen Schritt weiter zu gehen in Richtung eines neuen Selbstverständnisses schwuler jugendlicher Romanfiguren.
Richtige Einstellung! Ich habe mich schon häufiger gefragt, wann wir als Gesellschaft diese Phase erreichen. Steinhöfel war offensichtlich schon 1999 soweit. Mir gefielen außerdem viele Formulierungen sehr gut. Zum Beispiel wie intensiv es sich anfühlen kann, wenn jemand wutentbrannt aus dem Zimmer stürmt:
Er stapft wütend davon, stößt mit der Schulter gegen den Türrahmen, als er den Raum verlässt. Es ist, als würde alle Farbe aus den rundum aufgehängten Bildern und Postern von den Wänden herabfließen, sich zu einem Strom vereinigen und ihm folgen. Zurück bleibt Schwarz und Weiß.
Letztlich fand ich sogar tolle Kalendersprüche wie diesen hier:
Wer in seinem Leben keinen Sinn entdeckt, kann immer noch versuchen, ihm wenigstens ein Ziel zu geben. Wenn er Glück hat, läuft beides irgendwann auf das Gleiche hinaus.
Jedenfalls: Ein ganz tolles Buch mit Ecken und Kanten – habe ich sehr gerne gelesen.
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