Weihnachtsmarkt

Es weihnachtet sehr – und obendrein verschlug es mich sogar auf den Bonner Weihnachtsmarkt. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal mit der Absicht dort war, nur mal drüber zu schlendern.

Wir hatten uns an der Stelle in Bonn verabredet, an der sich – wie sich dann herausstellte – offenbar jeder verabredet: am großen Postamt auf dem Münsterplatz. Analog zu den auf Jahrmärkten früher üblichen Absprachen à la „wenn wir uns verlieren, treffen wir uns am Riesenrad wieder“, ja ich stamme aus einer Zeit ohne Mobiltelefone, ist das Postamt auch gleich der Ort, an dem das für die Weihnachtszeit zurecht geschrumpfte Riesenrad steht. Ich nun war ein paar Minuten zu früh dran, stellte mich an die Häuserwand und hielt nach den anderen Ausschau. Und die Wartezeit wurde spannender als erwartet.

Die Gehetzten
Es war gerade dunkel geworden und der Weihnachtsmarkt war noch nicht so überlaufen, wie er das zu späterer Stunde gerne ist. So gab es tatsächlich noch den einen oder anderen Passanten, der angesichts des nahen Abends einfach nur nach Hause wollte. Diese Menschen fühlten sich durch die Schlendernden ganz offensichtlich in ihrer strammen Gangart gestört und blickten oft genervt durch die Menschentrauben auf der Suche nach dem günstigsten – schnellsten – Schlängelweg zum Bahnhof.

Die Bummler
Ganz klar die Störenfriede der Gehetzten, allerdings die breite Masse aller Passanten. Viele gemeinsam, viele zu zweit, wenige einzeln, war der Weg für sie das Ziel. Wobei, das stimmt wohl nur für etwa die Hälfte aller Bummler. Die anderen hatten es zwar nicht eilig, aber deren Ziel war eindeutig einer der unzähligen Glühweinstände. (Was es da alles gibt, Glühwein ist ja inzwischen out. Glühkirsch, Weißglühwein, heißer Eierlikör mit Sahne – es ist ein Graus.) Fröhliche Gesichter; ab und an sogar eine weihnachtlich-festliche Kleidung, zum Beispiel eine winzige, keine fünf Zentimeter große Weihnachtsmütze; ganz viel Gespräch.

Die Familien
Sie gehören zwar zu den Bummlern, müssen aber eigens aufgeführt werden, weil es einfach zu schön war, die gestressten Eltern „Mark, Mark! MAARK WO BIST DU?!“ rufen zu sehen, während der Gesuchte gleich hinter ihnen stand und nach einer Weile kleinlaut „aber ich bin doch gar nicht weggelaufen“ fiepste. Das ist schadenfroh, richtig, aber es ist ja nichts passiert. Der Schock, in diesem Gewimmel einen hüfthohen Knirps zu verlieren, muss schrecklich sein.

Die Briefschreiber
So ein schöner Ort zum Warten! Etwa alle zehn Sekunden warf jemand einen Brief in den Kasten. Darunter waren diejenigen, die gerade das Büro verlassen hatten und einfach die komplette Post mitnahmen. Deutlich zu erkennen natürlich an den großen, ähnlichen Briefen und dem „endlich Feierabend“-Gesicht, keine Beziehung zur Post, bloß weg damit. Zu ihnen gehörte auch der irgendwie offensichtliche Azubi oder Praktikant, mit jugendlichem Aussehen und Klamotten, Hemd von Mutti gebügelt, stolz, auch nach Betriebsschluss noch für die Firma zu arbeiten und die Post einzuwerfen. Knuffig. Außerdem waren da natürlich diejenigen, die ihre Weihnachtspost einwarfen – besonders schön dabei war der Passant, der den Brief vorher noch gründlich auf Anschrift und Briefmarke prüfte, das Schreiben dann kurz, schon halb eingeworfen, andächtig ansah und es mit einem breiten, zufriedenen Lächeln schließlich in den Kasten fallen ließ.

Das Date
Am schönsten war allerdings das Date. Ein Mann ging langsam an der Häuserwand entlang, hatte sein Handy mit einer Textnachricht und einem Foto in der Hand und schaute alle Frauen im Umkreis etwas zu lang an, als dass es nur im Vorbeigehen hätte sein können. Ich vermutete sofort ein erstes Date, und so war es dann auch: Wenige Zeit später lief er sichtlich nervös und um Konversation bemüht mit einer jungen Dame erneut vor mir her. Die beiden sprachen über das Wetter und wie kalt es geworden wäre, wie die Vorhersage für die nächsten Tage sei und… da waren sie schon weg. Schade, ich wäre am liebsten hinterher gegangen und hätte noch etwas zugehört.

Manches ändert sich nie. Die Dates nicht, dass Weihnachten jedes Jahr so plötzlich kommt, der Lebkuchen nicht und der Weihnachtsmarkt ebensowenig. Nur eins wundert mich bislang, ich bin aber wirklich froh darüber: geWHAMt wurde ich noch immer nicht. Ein Glück.

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