Felix – eine wahre Geschichte

Es ist zwar schon Jahre her, aber die Erinnerung an einen bestimmten Tag im Winter verlässt mich nicht. An eben jenem Freitag ist mir nämlich etwas so absurd Bescheuertes passiert, dass ich mich bis heute frage, ob da nicht eine bekannte Fernsehsendung ihre Finger im Spiel hatte und ich nach Strich und Faden veräppelt wurde.

Wie gesagt war es ein Freitagmorgen im Winter, ein ganz normaler Arbeitstag also. Es war kurz nach sechs Uhr und ich lag im Bett und schlief, denn der Wecker würde erst in ein paar Minuten klingeln. Da klopfte es an meiner Tür. Da ich zu der Zeit in einem Mehrfamilienhaus wohnte, war das also durchaus etwas besonderes, eigentlich konnte es ja nur ein Nachbar aus dem gleichen Haus sein. Da das Klopfen nicht aufhörte, schlurfte ich also verschlafen zur Tür und wurde mit einem Schlag ein großes Stück wacher: Dort stand ein mir nicht bekannter Mann um die 30, nur mit Unterhose und Socken bekleidet. Und er sagte: „Hallo, ich bin Felix.“

Verdattert und noch immer nicht ganz wach, sagte ich nur etwas wie: „Äh, hallo.“

„Ja, also“, begann er dann, „ich habe mich ausgeschlossen und komme nicht in meine Wohnung. Kannst du mir helfen, jemanden zu finden, der meine Tür aufmachen kann?“

Nun gut, ich wollte dann auch nicht unfreundlich sein, schließlich war es ja auch kalt und so – also ließ ich den fast nackten Typen in meine Wohnung und zusammen saßen wir auf der einzigen freien Sitzgelegenheit, meinem Bett. Da mein Computer noch nicht lief, suchte ich in den Gelben Seiten nach einem Türöffnungs-Spezialisten. Die Uhrzeit gebot es, den nächsten 24-Stunden-Service anzurufen. Felix wollte die Nummer selbst nicht wählen, er war irgendwie ein bisschen unsicher – ich dachte mir, er könnte vielleicht Schlafwandler sein und wäre deshalb genau wie ich einfach noch nicht ganz wach. Also wählte ich die Nummer und gab ihm das Telefon, als es am anderen Ende klingelte.

„Hallo“, sprach er in den Hörer, „ich habe mich ausgeschlossen und suche jemanden, der mir… ja, genau. Was würde das denn kosten? … Was, so viel? Können Sie das nicht auch ein bisschen billiger machen? Verstehe… nein, dann versuche ich es woanders. Tschüss!“

Da saß ich also mit diesem Fremden auf meinem Bett, ich selbst in T-Shirt und Shorts, er in Shorts und Socken, wir beide verschlafen. Als ob die Situation nicht absurd genug gewesen wäre, hatte er die Schnitte, die Türöffnung eines Fachmanns als zu teuer zu bezeichnen und es erst einmal woanders zu versuchen? Der Typ wurde mir immer suspekter. Nachdem er aufgelegt hatte, fragte er mich, ob ich was zu rauchen hätte.

„Ich rauche nicht“, antwortete ich noch ein Stück mehr verwirrt, „und außerdem, hast du jetzt nicht eigentlich was besseres zu tun als nach Zigaretten zu fragen?“

„Zigaretten meinte ich nicht, hast du nichts anderes?“

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wie konnte ich so blöd sein – der Mann war breit! Nun kenne ich mich mit Drogen nicht so gut aus, konnte also an seinen Augen nichts erkennen (müssten die Pupillen größer sein oder ist das nur eine landläufige Geschichte?). Es war mir aber auch irgendwie egal, denn ich musste nun bald selbst auch los und würde vorher gerne den Verrückten aus meiner Wohnung entfernen.

„Nein, ich habe wirklich nichts zu rauchen. Komm, wir versuchen mal den nächsten Schlüsselmann, vielleicht ist der billiger.“

Gerade wollte ich schon die nächste Nummer wählen, da lehnte er ab: „Ach, lass mal. Ich geh einfach zu nem Freund, der wohnt hier die Straße runter. Das mit der Tür regel ich dann später. Kannst du mir vielleicht ein T-Shirt leihen?“

Diese Idee war zwar keine Lösung für sein Problem, allerdings sehr wohl eine für meines. Also nahm ich das nächstbeste T-Shirt aus dem Schrank, es war knallgelb, drückte es ihm in die Hand und vergewisserte mich, dass er es ernst meinte – immerhin war Dezember, zwar ohne Schnee, aber es war klirrend kalt. Ja, es sei ihm ernst und auch nicht zu kalt mit den Socken und dem T-Shirt. Er würde es mir dann in den nächsten Tagen zurück bringen. Mir war schon alles egal, Hauptsache, der Kerl verschwand. Also verabschiedete ich ihn und sah ihn wenige Augenblicke später die Hauptstraße hinunter gehen.

Als ich kurz danach unter der Dusche stand, wurde mir erst einmal bewusst, was für eine Situation ich gerade erlebt hatte. Lachen konnte ich aber nicht, denn mir wurde auch klar, dass ich mein T-Shirt wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Felix war mir im Haus noch nie aufgefallen, möglicherweise war er erst neu eingezogen.

Nachdem eine Woche vergangen war, beschloss ich, einen einzigen Versuch zu unternehmen, mein gelbes Shirt wieder zu bekommen. Ich schrieb einen großen Zettel mit meinem Namen und hängte ihn in den Hausflur:

Felix!
(heißt du überhaupt so?)

Am Freitagmorgen um kurz nach sechs hast du mich wach geklingelt weil du dich ausgeschlossen hattest – ich habe dir ein T-Shirt von mir geliehen.

Bitte steck’ es in meinen Briefkasten, falls ich nicht zu Hause sein sollte.
Danke!

Ein Tag verging und ich hatte nichts im Briefkasten. Als ich am nächsten Tag allerdings in den Kasten schaute, steckte darin tatsächlich mein schönes, gelbes T-Shirt! Es roch nach Qualm – also hatte er ganz offenbar noch etwas zu rauchen gefunden und keine Waschmaschine. Ich war trotzdem froh.

Als ich meinen Hinweiszettel abhängen wollte, fand ich darauf die handschriftliche Nachricht eines Nachbarn, die mich dann doch noch zum Lachen brachte: Felix, wenn du ihm sein T-Shirt wieder gebracht hast, gib mir doch bitte auch meine Socken zurück!

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