Vom Reisen früher, heute und morgen

Kutsche

Neulich unternahm ich eine kleine Reise nach Spanien. Es war weit genug weg, um das Flugzeug zu nutzen – und damit fingen die Probleme an.

Grundsätzlich finde ich frühes Aufstehen schrecklich. Nun gut, für den Urlaub lässt man das über sich ergehen. Als um 4:45 Uhr der Wecker klingelte, war ich dennoch wenig begeistert. Ich taumelte ins Bad und einige routinierte Handgriffe später stand ich angezogen und verschlafen an der Haustür. Pünktlich um 6 Uhr fuhren wir ins Flughafen-Parkhaus. „Läuft ja wie am Schnürchen“, gähnte ich.

Der Köln-Bonner Flughafen ist geformt wie ein „U“. Wir erreichen nach zehn vor Müdigkeit und Kälte zitternden Gehminuten das eine Ende des Flughafengebäudes und stellen fest: Vom einen zum anderen Ende läuft man strammen Schrittes gut und gerne weitere zehn Minuten. Denn: Wir befinden uns natürlich am falschen Ende.

Schlussendlich stehen wir gut eine Dreiviertelstunde vor Abflug in der Check In-Schlange, durch den Sport mittlerweile widerwillig wach. Zwei Schlangen, jeweils etwa 30 Personen. Fünf Schalter besetzt. Ich scrolle am Handy die Timeline durch.

Ein Raunen lässt mich aufsehen. Irgendwie ist eine Schaltermitarbeiterin verschwunden. Wir bewegen uns keinen Meter vorwärts. Ich lese weiter die Timeline. Um 7:10 Uhr soll der Flieger starten, wir haben noch genug Zeit. Hoffe ich.

Vor uns beginnt ein Mann damit, jede Person, die nach irgendeiner Tätigkeit im Dienste des Flughafens aussieht, lautstark um mehr Personal zu bitten. Nur noch drei Schalter sind besetzt. Ich kann mich bei dem Lärm nicht auf mein Handy konzentrieren.

6:30 Uhr. Ein weiterer Mitarbeiter verschwindet, so dass für jede Schlange nur noch ein Schalter geöffnet ist. Ich schaue auf die Uhr. Wird knapp. „Was, wenn wir den Flieger verpassen, weil wir nicht einchecken konnten?“, frage ich mit Blick auf einige übergroße Gepäckstücke in unserer Schlange. Die Dame vor uns nickt nervös.

Mein Freund erzählt derweil, wie es in anderen Ländern läuft: Da gehen Mitarbeiter durch die Schlangen und erinnern die Kunden, welche Dokumente sie bereit halten sollen. Alle – auch hier vorhandenen – 20 Schalter wären besetzt. Und: Die Mitarbeitenden würden sehr viel schneller arbeiten.

6:40 Uhr. Die sichtlich überforderte Mitarbeiterin hat soeben ein asiatisches Pärchen weggeschickt. Ihr Flug würde in Kürze starten, sie wären leider zu spät und sollten zum Ticketschalter gehen, um eine Alternative zu buchen. Ich seufze und schubse meinen Rucksack einen Meter weiter. Und das alles ohne Kaffee.

Der mittlerweile aggressiv pöbelnde Herr vor uns hat leider keinen Erfolg, er verlässt die Schlange wutschnaubend und sucht eine andere Möglichkeit. Ich bin mir sicher, er wird eine finden. Ich beschließe indes, das, was da kommen wird, zu akzeptieren und mich einfach darauf zu konzentrieren, dass ich früher oder später ein Frühstück bekommen werde. Im Flugzeug oder… oder eben in einem Café am Boden, während wir auf die nächste Verbindung warten.

6:50 Uhr. Inzwischen sind alle Kunden der anderen Schlange abgefertigt. Die Mitarbeiterin dort ist viel schneller. Man steht aber auch wirklich immer in der falschen Reihe. Plötzlich sind wir dran und es geht ganz schnell. „Nur ein Koffer? Okay… hier, C70, bitte gehen Sie sofort dorthin, es geht gleich los.“ – „Danke, Ihnen noch einen schönen Tag!“ – Sie antwortet nicht. Ist schon mit den nächsten Kunden beschäftigt.

Wir rennen in Richtung Gate und erleben einen erfreulich leeren Sicherheitscheck ohne Warten. Mein riesiges Deo-Spray muss ich natürlich wegwerfen. Ich Idiot habe vergessen, dass man keine zu großen… man fliegt aber auch zu selten für solches Geheimwissen. Anschließend habe ich es zu eilig und muss ein zweites Mal in den Körperscanner: „Oh, Sie haben sich bewegt, ich kann hier gar nichts erkennen.“ Meine Gürtelschnalle bringt mir dann noch ein manuelles Abtasten ein – ach, hätte ich den Gürtel doch vorher ausgezogen.

7:05 Uhr, wir erreichen das Gate fünf Minuten vor geplantem Abflug. Es herrscht Ruhe. Wir setzen uns, ich kaufe die weltweit teuerste Flasche Wasser und wir warten. Ich bin angespannt. Noch sitzen wir schließlich nicht im Flugzeug. Ein Blick auf die Tickets: 11 B und 11 E. Ich verstehe davon nicht viel, aber es sieht so aus, als säßen wir nicht nebeneinander. „Manno!“

Als um 7:15 Uhr das Boarding beginnt, bleiben wir sitzen und schauen den anderen Fluggästen beim Einreihen zu. Der Pöbler von vorhin ist auch dabei. Er sieht wieder ganz friedlich aus. 7:30 Uhr, wir zeigen einem der vorhin verschollenen Check In-Mitarbeiter unser Ticket und dürfen in einen Flughafenbus steigen. Die Türen schließen sich, der Motor startet und heult einige Male auf. Wir fragen uns, ob der Fahrer weiß, dass es sich mit Gang besser fährt als im Leerlauf. Die Umstehenden lachen nervös. Es wird doch nicht jetzt noch scheitern?

Ich schaue auf meine Schuhe. Was mache ich hier eigentlich? Ich stehe an einem Samstag um halb acht in einem kalten, schlecht beleuchteten Flughafenbus und drängle mich mit Fremden um einen Haltegriff. Ich bin seit fast drei Stunden auf den Beinen, hatte weder Frühstück noch Kaffee und möchte eigentlich nur wieder in mein Bett. Außerdem habe ich Rückenschmerzen. All das für einen erholsamen Urlaub? Kein Wunder, dass man den nach solch einer Tortour auch braucht. Immerhin passiert das auf dem Hinweg. Aber: Geht das nicht alles irgendwie besser?

Wie reiste man denn früher?*

Im Mittelalter gab es im Wesentlichen nur drei Gründe, weshalb man sich auf die Reise begab: Man war entweder Soldat, Pilger oder Kaufmann. Und selbst die machten vor Reisebeginn meist ihr Testament. Weil die Gefahren reichlich waren: Wilde Tiere, Wegelagerer, und – man stelle sich vor – fehlende Orientierung. Außerdem versank der Wagen auf den schlechten Straßen auch gerne mal im Schlamm. 30 Kilometer legte man damals am Tag zurück. Zu Fuß. Na, da scheint es mich ja noch gut getroffen zu haben…

Im 18. Jahrhundert kamen Bildungsreisen in Mode. Wien, Rom, Venedig, Paris. Auch der liebe Goethe gehörte zu diesen Bildungsreisenden. Allerdings hatte er seine eigene Kutsche, die lustigerweise Vorfahrt vor ordinären Gespannen hatte. Wie so mancher Mercedesfahrer es heutzutage von seiner Kutsche auch annimmt. Weniger reiche Menschen waren mit einem Köfferchen unterwegs, das nicht viel mehr enthielt als ein paar Klamotten zum Wechseln und ein bisschen Arznei. Apotheken waren wohl spärlicher gesät als heute.

Erst im 19. Jahrhundert kam der Tourismus ans Laufen, den Leuten fiel auf, dass sie Reisen aus Spaß an der Freude unternehmen und auch bezahlen konnten. Nach Ägypten mit dem Dampfschiff oder nach Istanbul mit dem Orientexpress. Die Gepäckmengen dürften sich im Vergleich zu heute die Waage halten. Früher hatte man Hutschachteln, Pülverchen und Rasierzeug, heute sind es Fön, Kochplatten und Ladekabel. Ja, wir haben wirklich eine Kochplatte dabei. (Warum? Darüber schreibe ich hier.)

Im 20. Jahrhundert waren die Deutschen nach dem Krieg aus verständlichen Gründen weniger gern gesehene Gäste. Darum blieben sie vor dem Wirtschaftswunder eher im Inland, aber als das Geld ins Land kam, konnten auch die alten Feindschaften sie nicht mehr zurück halten. Früh lernten zum Beispiel die Spanier, dass die Deutschen gute Kunden waren, und richteten sich auf sie ein. Das könnte einer der Gründe sein, weshalb ich in diesem blöden Flughafenbus stehe.

Heutzutage ist Reisen einfacher denn je. Der ganze Erdball ist prinzipiell möglich, allerlei Kategorien wie Sport-, Extrem-, Wander-, Strand- und Partyurlaube sind machbar. Wir fliegen, segeln, kanuen, klettern und eisbrechen, wir fahren Zug, Schiff, Auto oder nehmen das Flugzeug.

Wie könnte man in Zukunft reisen?

Dennoch: Während ich das Röhren des Busmotors höre, mich am Haltegriff festklammere und hoffe, dass der Busfahrer einen guten Grund für diese Verzögerung hat, denke ich, dass das Reisen heutzutage doch wirklich nicht das Ende der Fahnenstange sein kann. Da muss doch mehr gehen!

Wenn wir zum Beispiel selbst fahrende Autos für Reisen vorbestellen könnten. Egal, ob sie uns von zu Hause zum Büro oder bis ins über die Grenze an die Küste fahren sollen. Der Urlaub könnte direkt nach der Haustür beginnen. Zurücklehnen, fernsehen, spielen, essen oder sogar weiter schlafen, während wir ans Ziel gebracht werden.

Oder das Fliegen: Ich habe mal ein Foto von frühen Passagierflugzeugen gesehen. Da gab es Korbstühle. Ich wiederhole: Korbstühle. Wohin ist diese geile Idee verschwunden? Vergesst die nutzlosen Anschnallgurte. Keine Vordermänner, die sich bis auf dein Kinn zurück lehnen können. Keine am Vordersitz aufgeschürften Knie und kein „Entschuldigung, könnten Sie mich bitte rauslassen?“.

Und noch ein bisschen verrückter: Mit noch viel besserer Technik brauchen wir gar nicht mehr wegfahren. Der Sonnenuntergang kann sich in unseren Fenstern oder auf der Tapete abspielen. Geeignete Sound- und Wärmeanlagen würden den Effekt verbessern. Oder brauchen wir demnächst gar nicht mehr vor die Tür, weil Virtual und Augmented Reality uns eigene Welten direkt auf die Netzhaut zaubern?

Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Wir können heutzutage überall hin reisen. Schneller und angenehmer als jemals zuvor. Aber wie sagte mein erster Chef zu meiner ersten Projektdurchführung? „Da ist noch Luft nach oben.“ – Und zwar eine Menge.

Selbst organisierte Reise im VW Camper. Machen nur Hippies!

Aber zurück zum Bus.

Nach schier endlosen Minuten des Herumstehens findet der Busfahrer den ersten Gang und wir wippen im Gleichtakt. Die Fahrt dauert nur eine Minute. Einhellige Meinung unter den Fahrgästen: „Hä? Da hätten wir auch laufen können!“ – Jemand Kluges zeigt auf ein identisches Flugzeug nebenan und ergänzt: „Wären Sie denn sicher in den richtigen Flieger gestiegen?“ – Phantasie-induziertes Grinsen.

Wir stehen auf der Gangway. Es herrscht Stau beim Einsteigen, weil die meisten Fluggäste auf den vorderen Eingang zugestürmt waren statt auch den hinteren zu nutzen. Als wir – Klassiker – ein Selfie vor der Turbine machen, fängt es an zu regnen. Fünf Meter vor dem Ziel. Aber mir ist schon alles egal.

Unsere Plätze sind tatsächlich nicht nebeneinander, ich beherrsche das Alphabet doch gut genug. Beim Hinsetzen frage ich die Dame neben mir, ob sie neben ihrem Ehemann sitzen wolle. Aber meine Rechnung geht nicht auf. „Nein“, ist ihre prompte Antwort, „auf keinen Fall.“ Ob sie denn nicht Händchen halten wollen, frage ich fröhlich lächelnd. „Das tun wir seit dreißig Jahren nicht mehr.“

Ich füge mich, setze mich zwischen sie und einen verschlafenen Teenager, der nach seiner Gesichtsfarbe und dem Discostempel auf dem Handrücken zu urteilen nicht wieder, sondern immer noch wach ist. So lange er sich nicht übergibt…

Unsere Pilotin begrüßt alle Reisenden freundlich und erklärt, weshalb das Boarding leicht verzögert stattgefunden habe: Man hätte kurzfristig das Flugzeug getauscht und so hätten nun mal auch all die Verpflegung und auch die Koffer getauscht werden müssen. So so. Die Koffer. Ob unserer es wohl in der Kürze der Zeit nicht nur in irgendein, sondern auch in das letztendlich richtige Flugzeug geschafft hat?

Um das Ganze abzukürzen: Wir hoben tatsächlich noch ab. Niemand musste sich übergeben und ich bekam mein heiß ersehntes Frühstück. Meine Sitznachbarin stellte sich als ziemlich cool heraus. Und: Sogar der Koffer schaffte es bis ins Urlaubsland. Eine soziologisch spannende Mietwagenabholung später erreichten wir die Ferienwohnung und konnten nach den Reisestrapazen endlich entspannen.

Ende gut, alles gut. Aber in Zukunft darf das wirklich noch etwas anders laufen. Ich bin gespannt!


* Die Infos zum früheren Reisen kommen von Planet Wissen.

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