Warten im Supermarkt an der Kasse

8. Mai 2026 · 2 Kommentare

Ich stand da so in einer Kassenschlange rum und hatte Zeit, mir alles ganz genau anzusehen.

Freitagmittag, der große Supermarkt im Ort ist überraschend belebt. Die Einkaufswagen sind fast alle ausgeliehen, aber mir egal, ich trage meine Einkaufstasche. Im Laden herrscht eine eigenartige Atmosphäre, alle sehen gestresst aus, ich habe den Eindruck, nur ein falsches Wort oder ein runtergefallener Joghurt könnten eine Eskalation auslösen. Wieso gibt es hier eigentlich noch keine Selbstbedienungskassen, frage ich mich, während ich auf die Kassenschlangen zusteuere und mich an der kürzesten anstelle.

Bald fällt mir auf, wieso es die kürzeste ist: Der Herr vor mir hat seinen Einkaufswagen fast komplett gefüllt, offensichtlich ein Wochenendeinkauf. Er steht zwischen Wagen und Kassenband, dreht sich ständig hin und her und schaufelt unsystematisch die Waren aufs Kassenband. Dabei klimpert der metallene Reißverschluss seiner Jacke am Einkaufswagen hin und her. Pling-pling-pling-pling-pling in die eine Richtung, plong-plong-plong-plong-plong in die andere.

Die Kundin vor ihm hat bald bezahlt und es zeigt sich, dass kurze Kassenbänder zwar Platz sparen, aber einen Nachteil aufweisen, wenn man viel einkaufen möchte: Die Kassiererin muss mit dem Drüberziehpiepsen warten, bis der Herr fertig mit dem Beladen des Bandes ist. Im Bereich nach der Kasse stapeln sich schon seine bereits gescannten Waren. Der Herr merkt das, schaufelt verbissen schneller, der Reißverschluss macht pli-pli-pli-pli-pling, plo-plo-plo-plo-plong. Wie eine Tonleiter klingt das. Do-re-mi-fa-so.

Beim Zuschauen überlege ich, wie viel dieser Einkauf wohl kosten mag. Wir sind hier in einem Hit, im Preisniveau würde ich den knapp unter Rewe und Edeka verorten. Dieser Einkauf wird mindestens 100 Euro kosten, stelle ich fest. Dann sehe ich die Markenartikel, Nutella, teurer Kaffee, Toffifee, allerlei Kleinzeug. Ich erhöhe auf 200 Euro.

Endlich ist das Auflegen erledigt. Beim Weitergehen klemmt der Herr sich ungeschickt zwischen seinem leeren Einkaufswagen und dem Kassenband ein, die Situation macht ihn sichtlich nervös, wer lässt schon gern Kassiererin und nachfolgende Kunden warten. Ich lege meine paar Einkäufe aufs Band und sorge dafür, dass seine ungeschickt platzierten Sachen weder vom Band noch in meinen Warenbereich fallen, während er vorne hastig die gescannten Artikel zurück in seinen Einkaufswagen schiebt.

Es ist so unglaublich ineffizient, den Einkauf erst stückweise ein-, dann zum Bezahlen aus- und wieder einzuladen, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass man sie anschließend ja auch noch ins Transportmittel der Wahl tragen muss. Darum mag ich es, wenn ich beim Einkaufen die Waren selbst scannen und beim Bezahlen einfach durchrauschen kann. Und das alles in meiner eigenen Geschwindigkeit.

Beim Einladen fällt dem Herrn eine runde Packung Salamischeiben vom Einkaufswagen auf den Boden. Platsch macht das, aber weder er noch die Kassiererin scheinen das zu bemerken. Ich lehne mich unauffällig vor, um zu hören, was er bezahlen muss: 194 Euro, ich habe gut geschätzt. Der Herr zahlt mit Karte und muss mit einem winzigen Plastikstift auf dem kleinen Terminal unterschreiben. Der Stift ist auf eine provisorisch-permanente Art mit einem Plastik-Geschenkband befestigt, das so kurz ist, dass er den Stift nicht im richtigen Winkel halten kann. Auch all das sollte doch heutzutage so nicht mehr nötig sein.

Als er seine Karte wieder wegsteckt, spreche ich ihn an: „Entschuldigung, Ihnen ist die Salami runtergefallen.“ Erst schaut er mich überrascht an, folgt dann aber meinem Fingerzeig und beginnt, breit zu lächeln. Er freut sich über den Hinweis, und während er die Packung ungelenk aufhebt, entspannt sich auch die Kassiererin, die erst noch verwundert über meine Störung des Betriebsablaufs gewesen war. Während der Herr seine Quittung bekommt, übrigens fast einen Meter lang, sagt er: „Das hätte zu Hause aber Ärger gegeben!“ Wir drei lachen, und weg ist er.

Nachdem ich bezahlt habe – auch mit Karte, aber per Handy, da musste ich noch nie unterschreiben, außer vielleicht in so merkwürdigen Situationen wie beim Leihen eines Mietwagens im Ausland – nachdem ich also bezahlt habe, reihe ich mich in die nächste Schlange ein: beim Bäcker. Auch hier stehen auffallend viele Menschen, es knubbelt sich, man steht am Ende eng und es könnte passieren, dass jemand sich versehentlich oder absichtlich vordrängelt. Wieder Eskalationspotenzial. Immerhin geschieht nichts.

Ich schaue geistesabwesend den Kunden zu, die gerade bezahlen: Zwei ältere Personen, beide ihre Geldbeutel weit geöffnet, suchen langsam nach den richtigen Münzen, legen sie behutsam auf den Glastresen und rechnen bei jeder neuen Münze die Summe aus, die da vor ihnen liegt. Es ist goldig, das zu beobachten. Sie scheinen nicht einmal zu bemerken, dass viele Kunden hinter ihnen stehen und die Bedienung ungeduldig schaut. Richtig so, denke ich, mit Münzen und in aller Seelenruhe zu bezahlen sollte, anders als erniedrigende Fummelei mit einem schlecht befestigten Plastikstiftchen, weiterhin und für immer möglich sein. Wir, die wir in dem Moment zum Warten verdonnert sind, verlieren in Summe vielleicht eine Minute Lebenszeit, jeder Einzelne von uns nur ein paar Sekunden. Und schöne Sekunden sind das, voller Ruhe, zumindest in mir drin.

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2 Kommentare

  1. Martin

    Mit Selbstbedienungskasse hättest du dem Mann nicht den Hausfrieden retten können. Es war also vorherbestimmt, seit langer Zeit. ;)

    Ich nutze die Wartezeit an der Supermarktkasse auch oft zum Beobachten anderer Kunden. Man erfährt dabei vieles und manches will man auch eher nicht wissen…


    1. Thomas

      Ich glaube auch, eine Selbstbedienungskasse hätte er verschmäht. Das passte nicht zu ihm. Sie hätte nur *mir* das Leben leichter gemacht – allerdings hätte ich dann die netten Szenen verpasst.

      Kassenschlangen bringen kostenlose Leute-Gucken-Zeit! In Cafés muss man dafür ja wenigstens ein Getränk bezahlen ;-) Ich hab in Kassenschlangen oft Kopfhörer drin, da kann man dann bei Bedarf das Noise Cancelling einschalten und hat Ruhe vor dem, was man nicht wissen will.


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