Beichten früher und heute

Neulich hörte ich einen Podcast des Bayerischen Rundfunks zum Thema Beichten. Um ehrlich zu sein: Ich hätte die Folge fast vor dem Hören gelöscht, weil ich keine große Lust auf Kirchenthemen hatte.

Beim Spazieren kam die Folge in der Playlist aber irgendwann von allein dran und ich muss sagen: ich wurde positiv überrascht. Das Beichten ist nämlich gar nicht von „der Kirche“ reserviert. Das dahinter stehende Prinzip ist viel älter und ziemlich interessant.

Wie Gemeinschaften und Absprachen funktionieren

In dem Beitrag wird anfangs erklärt, dass wir Menschen schon seit jeher in Gemeinschaften leben. Diese sozialen Gefüge beruhen auf dem Prinzip des Vertrauens. Personen möchten nur mit jemandem in einer Gemeinschaft leben, wenn er getroffene Absprachen einhält. Bricht eine Person das in sie gesetzte Vertrauen, kann ein Ausschluss aus der Gemeinschaft drohen.

Das klingt erst einmal etwas abstrakt, ist aber ganz einfach: Wenn Höhlenmensch Horst seinerzeit versprach, die Jagd für die anstehende Woche zu erledigen, aber stattdessen faul auf der Haut lag, drohte die Sippe zu hungern. Mehrfaches Fehlerverhalten dieser Art mündete dann sicher in einen Verstoß: sollte er doch draußen selbst zusehen, wie er überlebt.

Auf dem gleichen Prinzip beruhen heutzutage Verträge. Ich habe mit meinem Arbeitgeber eine Vereinbarung, nach der ich für einen gewissen Arbeitseinsatz entlohnt werde. Arbeite ich nicht wie vereinbart oder zahlt mein Arbeitgeber das Gehalt nicht, liegt ein Vertrags- oder eben ein Vertrauensbruch vor. Der „Ausstoß aus der Gemeinschaft“ lässt sich hier übersetzen mit einer Klage bzw. dem Rauswurf.

Was hat das Beichten damit zu tun?

Nehmen wir an, Höhlenmensch Horst hat die Jagd tatsächlich nicht erledigt, obwohl es so vereinbart war. Er lag in der Zeit aber nicht faul herum, sondern hat giftige Beeren gegessen und den Zwischenfall gerade so überlebt. Das ist deshalb peinlich, weil er erst kürzlich an der Schulung „Früchtesuchen für Anfänger“ teilnahm und es nun eigentlich besser wissen müsste. Also ließ er sich nicht bei der Vergiftung helfen, sondern lag eine ganze Woche voller Scham in seinem Zelt.

Horst hat nun zwei Möglichkeiten: Entweder er versucht, den Fehler zu vertuschen. Er könnte nach Ausreden suchen oder die Sache jemand anderem in die Schuhe schieben wollen. Oder er nutzt das Prinzip der Beichte.

Die vier Schritte der Beichte

Die Beichte besteht laut dem Podcast aus vier Schritten, die zwingend aufeinander aufbauen:

  1. Einsicht
  2. Reue
  3. Bekenntnis
  4. Wiedergutmachung

Uff, gleich der erste Punkt ist ein dickes Brett. Das Anerkennen eines eigenen Fehlers, also ein Eingeständnis vor sich selbst, ist ja bekanntlich nicht gerade die leichteste Übung. Ohne geht es aber nicht. Schlimmer noch, Horst muss nicht nur verstehen, dass er einen Fehler gemacht hat, sondern ehrliche Reue empfinden. Was in diesem Beispiel sicher möglich ist, denn auch er selbst wird ja in der nächsten Zeit hungrig sein.

Der dritte Punkt ist wiederum auch sehr schwer, vielleicht der schwierigste überhaupt: Horst muss sich an den Höhlenvorstand wenden und offen mit dem Fehler umgehen. Er muss sagen „hey, ich hab hier einen Fehler gemacht, es tut mir leid“. Der Vorstand hat nun die Wahl, die Entschuldigung anzunehmen und über eine Wiedergutmachung nachzudenken. Horst könnte zum Beispiel als nächstes eine Doppelschicht schieben oder etwas in der Art.

Die Kernfunktion einer Beichte

Das Eingeständnis vor sich selbst, das sich-Schlechtfühlen, die Offenlegung und das Anbieten einer Wiedergutmachung samt deren Umsetzung. Dieser Ablauf sorgt dafür, dass der Beichtende in der Gemeinschaft nicht das Gesicht verliert, nicht ausgestoßen wird und stattdessen weiter Teil der Sippe bleiben kann. So werden die Fehler vielleicht nicht ausradiert, aber die Gemeinschaft geht auf eine gesunde Art und Weise damit um.

Wir sind nun einmal alle Menschen und uns passieren Fehler. Würden Fehler niemals toleriert, wäre keine Gemeinschaft möglich und die Menschheit hätte sich anders bzw. gar nicht entwickelt. Die Buße hilft allen, mit dem Fehler umzugehen und weiterzumachen.

Wie das alles heutzutage funktioniert

Früher bedeutete ein Ausstoß aus der Gemeinschaft möglicherweise den Tod. Doch auch heutzutage wollen Menschen in der Regel irgendeiner Gemeinschaft angehören. Selbst, wenn diese nicht lokal vor Ort organisiert ist, sondern sich vielleicht im Internet abspielt.

Blocke ich jemanden auf Twitter, ist das nichts anderes als ein Mini-Ausstoß aus meiner eigenen Gemeinschaft, mein eigenes kleines Statement sozusagen. Bei Mastodon können Moderator:innen unliebsame User zusätzlich auch von ihrer Instanz aussperren. Manchmal wird ihnen die Möglichkeit eingeräumt, sich vorerst zu erklären. Bei Reddit funktioniert das ganz genauso. Bevor also der „Ausstoß“ durchgeführt wird, darf man seine Sicht der Dinge darlegen. Gleiches gilt bei der Arbeit: Wenn ich meinem Arbeitgeber erklären kann, weshalb ich eine Woche stark abgelenkt war, wird es weniger ein Problem sein als wenn ich versuche, meine Fehler zu vertuschen.

Frappierend, wie sehr die Logik der Gemeinschaft und das Prinzip der Beichte auch in der heutigen Zeit weiter gelten.


Titelfoto: Hands off my tags! Michael Gaida from Pixabay

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