Die Macht der Tinte

Damals, als Robin Hood den Sherwood Forest und Nottingham unsicher machte, da hatte ein mit Tinte und Papier verfasstes Dokument noch eine gewichtige Bedeutung. Heutzutage schreiben wir unter unsere E-Mails: „Bitte schonen Sie unsere Umwelt und prüfen, ob diese E-Mail wirklich ausgedruckt werden muss.“ In grün. Mit einem kleinen Bäumchensymbol daneben. Nicht selten landet ein frisch gedrucktes Blatt dann aber im Papierkorb, weil man eben doch nicht vorher geprüft hat, ob diese E-Mail wirklich hätte ausgedruckt werden müssen.

Und überhaupt: Der Weg vom Papierdokument zur E-Mail ist – bei all meiner Begeisterung für diesen digitalen Fortschritt diese Veränderung – nicht ausschließlich so etwas wie großartig. Durch unseren inflationären Gebrauch ist aus einem ehemaligen Kommunikationsmittel die Kommunikation selbst geworden. Will heißen: Oftmals schreibt man eine E-Mail einfach nur des Schreibens willen, ohne großen Inhalt. Oder sagen wir, ohne offensichtlichen Inhalt. Es geht dann eher um „schau, um wie viel Uhr ich noch E-Mails schreibe“ oder „ich habe die Nachricht bekommen und werde mich nicht kümmern“.

Das Verfassen einer Nachricht um des Inhalts willen ist etwas in den Hintergrund getreten und das ist schade. Wahrscheinlich existieren aus diesem Grund Angebote wie Postcrossing, bei dem man Postkarten an Fremde in aller Welt schickt und auch welche zurück bekommt. Es gibt auch Smartphone-Apps, in die man seine Urlaubsbilder hochlädt und die dann als echte Postkarte an den Empfänger gesandt werden. Also eine Karte mit Selfie vom Strand auf Zypern, persönlichem Gruß und echter Briefmarke aus… Deutschland. Nun ja.

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Schreibt mehr Briefe! Aber wer tut das schon? Immerhin gibt es noch Menschen, die die neuen Medien wie E-Mails und sogar SMS oder WhatsApp-Nachrichten für genau diese Zwecke benutzen: Ab und zu erhalte ich altmodisch-romantische Urlaubsgrüße aufs Display, vielleicht sogar mit Foto, aber auf jeden Fall mit einem schönen Inhalt à la „Wetter gut, Laune großartig, Cocktails lecker, schon viel gesehen, heute faul am Strand, sei neidisch, bis die Tage!“

Worauf ich aber eigentlich hinaus möchte, ist die Sturheit, mit der wir an althergebrachten Traditionen festhalten. Ich vermute: meist ohne es zu merken. Ein tolles Beispiel in dem Zusammenhang ist der Stempel. Eventuell hervorgegangen aus dem Siegelwachs, mit dem auch in Nottingham die Anführer der Revolution noch ihre Briefe verschlossen, ist heute nur etwas mehr als ein Tintenfleck übrig geblieben. Das Bizarre daran: Dem Stempel wird noch immerüberaus hohe Akzeptanz entgegen gebracht.

Dabei ist ein Stempel alles andere als kopiersicher: Jeder kann sich online einen beliebigen Stempel zusammenklicken und schicken lassen, auch gerne nach einem bereits vorhandenen Modell. Offizielle Stellen und auch Vertragspartner für größere Vorhaben erwarten dennoch mitunter neben der Unterschrift noch einen dieser bunten Tintenabdrücke mit Firmenname. Apropos: Eine Unterschrift ist zwar ein wenig sicherer, weil schwerer nachzumachen. In meinem Büro gab es allerdings auch schon den Stempel mit Unterschrift eines Kollegen – und wenn man den gekonnt aufdrückte, war das Plagiat dank blauer Farbe fast nicht zu erkennen.

Man sieht: Viele Dinge bauen auch heutzutage ausschließlich auf Vertrauen (von Krediten für Privatpersonen und ganze Länder fangen wir mal lieber gar nicht erst an). Während wir uns einerseits immer häufiger fragen, weshalb der unsichere und leicht kopierbare Magnetstreifen auf Bankkarten immer noch gebraucht wird, unterschreiben und stempeln wir auf der anderen Seite munter weiter.

Trotzdem sollte man nicht alles hinter sich lassen. Denn schön ist sie ja doch, die Tradition.

Viele Grüße
schreiblehrling
@schreiblehrling


Foto: OpenClipartVectors / pixabay.com

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