stumm = schwerhörig?

Vor einigen Jahren unternahm ich einen Test an der Gesellschaft. Ich musste ein Zugticket kaufen und da noch nicht die Zeit der Onlinetickets war, reihte ich mich in die Schlange der vielen Wartenden am Bahnschalter ein.

Bahnschalter sind ja sowieso eine Welt für sich: Irgendwie sind nie genug davon geöffnet, egal, ob es davon zwei oder zwanzig gibt. Die Bahnmitarbeiter/innen sind grundsätzlich immer schlecht gelaunt (bloß keine Verallgemeinerungen!) aber auch nie inkompetent, was das Heraussuchen der Verbindungen angeht. Das geht bei mir auch immer schnell – also muss es an den anderen Kunden liegen, dass  ich nie unter einer halben Stunde Wartezeit da raus komme. Es ist ein Graus. Ich weiß nicht, wie viele volle Tage ich schon in meinem Leben nur durch Warten am Bahnschalter verplempert habe, die meiste Zeit davon sogar nur, um Tickets für andere zu kaufen.

Nun stand ich also in einer dieser Schlangen, und da sicher jeder das Gefühl hatte, sein halbes Leben dort zu warten, war die Atmosphäre entsprechend angespannt. Trotz des winzigen „Sicherheitsabstands“ zum ersten Kunden konnte natürlich jeder in der Schlange mithören, was am Tresen gerade für eine Reise geplant wurde – die einzige Abwechslung bei dieser öden Warterei. Irgendwann war ich tatsächlich schon dran und hatte eine sichtlich genervte Bahnmitarbeiterin vor mir. „Guten Tag“, sagte sie, ich sagte nichts. Sofort traf mich ein kritischer Blick, zur Hälfte Verwunderung und zur Hälfte Abscheu.

Statt eines Grußes legte ich der Dame einen selbst geschriebenen Zettel hin, auf dem stand: „Hallo, ich darf wegen einer Krankheit an den Stimmbändern gerade nicht sprechen. Ich würde gerne einen Zug buchen am … von hier nach …, besitze keine BahnCard und möchte eine Sitzplatzreservierung.“ Die Dame am Schalter las den Zettel und sofort wechselte ihr Gesichtsausdruck zu einer Art Mitleid. „Ach so, ich hatte mich schon gewundert, dass Sie nichts gesagt haben“, sie lächelte dabei sogar. Nun folgte das übliche Tippen im Computer, warten, tippen, suchen, klicken. Die Verbindung hatte ich ja vorbereitet, dachte also, dass ich die Sache gut über die Bühne bekommen würde.

„Möchten Sie mit Zugbindung buchen oder ohne?“ Sie sprach außerordentlich laut und deutlich, was ja unnötig war, da ich nicht geschrieben hatte, dass ich harthörig oder schwer von Begriff sei. Ich wurde rot. Die Sache war mir unangenehm, weil auch die Leute an den Nachbarschaltern jetzt zu uns herüber schauten – aber diese Suppe musste ich auslöffeln. Also schüttelte ich den Kopf und sie fragte noch einmal: „Zugbindung?“ Ich nickte. „Gut“, artikulierte sie laut und deutlich, „dann sind wir hier fast fertig. Wie alt sind Sie?“ Mir war das mittlerweile so peinlich, dass ich knallrot angelaufen war. Ich fasste mir aber an den Hals und flüsterte ihr mein Alter zu. Die Bezahlung konnte dann wieder ohne mein Zutun geschehen und ich wurde aus der Situation entlassen.

Was habe ich gelernt?

  1. Ich lüge äußerst ungern.
  2. Menschen gehen mit Menschen, die eine offensichtliche Einschränkung haben, vorsichtig um. Dabei achten sie bei aller Vorsicht nicht darauf, um welche Einschränkung es sich handelt, sondern generalisieren einfach: stumm gleich schwerhörig.
  3. Es geht notfalls auch ohne Sprechen. Alle fehlenden Informationen hätte ich auch schreiben können.
  4. Nochmal mache ich das nicht!

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