Wie geht’s? – Bombig!

Jemand Kluges hat einmal gesagt, das Leben ändere sich etwa alle sieben Jahre merklich. Eben nicht nur „ich hab mir ne neue Armbanduhr gekauft!“, sondern mehr so „mein Freund hat mit mir Schluss gemacht, ich hab einen neuen Job und die Krankheit meines Bruders kommt ins nächste Stadium.“ Na, ihr könnt ja mal bei euch nachrechnen.

Aber egal, ob das nun stimmt oder nicht: Jeder kennt sicher die Phasen, in denen kein Stein auf dem anderen bleibt. Und wenn man glaubt, jetzt habe sich wirklich restlos alles gewandelt, dann geht eben doch noch die Armbanduhr kaputt – wieder saß da irgendwer am längeren Hebel. In solchen Momenten würde man gern diesen Irgendwer für all die Änderungen verantwortlich machen, die man gar nicht wollte. Also, eigentlich. Gestört hat dieses oder jenes ja schon ab und zu. Und man wollte es auch angehen. Sicher. Irgendwann. – Aber doch nicht jetzt. Und vor allem nicht alles gleichzeitig… Also wenn das ganze Änderungstheater dann rum ist, würde man sich auch darüber freuen können. Vielleicht. Bestimmt. Ganz sicher. Aber der Weg dort hin ist hart.

Wenn er nicht sogar so hart ist, dass man meint, es sei der schwierigste Weg, den man jemals in seinem Leben zu gehen hat. „Heute war der schlimmste Tag meines Lebens!“ – „Hast du das nicht vor anderthalb Wochen erst gesagt?“ Irgendwann verschwimmt das Gespür für „schlimm“ und „schlimmer“, alles ist nur noch eine einzige Tragödie, die Welt ist grau geworden. Es ist, als umgebe einen permanent eine Nebelwolke, die mal mehr und mal weniger dicht ist. Oder als wäre im Innern eine Atombombe explodiert, die alles Schöne auslöscht oder zumindest für Jahre verpestet und vernebelt.

In dieser Zeit geht normalerweise der Blick für das Gute verloren. Manchmal erkennt man Positives noch selbst. Trotzdem fühlt sich dieser Moment am nächsten Tag schon irgendwie diffus schlecht an und man kann nicht einmal sagen, warum. Selbst, wenn man mit dem besten Freund unterwegs war, irgendetwas bleicht den schönen Moment im Nachhinein noch deutlich aus.

Bei mir ist das gerade so. Manchmal denke ich, das dauert mir alles zu lange und ich würde gern umkehren. Da habe ich durch diverse Rückschläge einen wirklich schlechten Tag erwischt und liege mit der Hoffnung auf dem Sofa, erst morgen wieder aufstehen zu müssen, als es an der Tür klingelt. Ich erwarte niemanden, also mache ich nicht auf. Wenige Minuten später klingelt es wieder, was Nachbarn, Postboten und Klingelstreiche ausschließt. Ich drücke also widerwillig den Summer und wer kommt die Treppe herauf? Eine Polizistin. Bevor sie etwas sagen kann, frage ich: „Wäre es besser, wenn ich mir etwas anzöge?“ – „Ja“, lächelt sie angesichts meiner Boxershorts, „bitte kommen Sie mal runter, Ihr Auto wurde gerade ziemlich zerbombt.“ Zerbombt. Was für ein unpassender Ausdruck dafür, dass ein LKW-Fahrer nicht mit seinem Anhänger umgehen konnte und mein drei Jahre altes Auto knapp am Totalschaden vorbei schrammte. Als ich die Umstehenden, die Polizei und vor allem mein liebes, kaputtes Auto sehe, werden mir die Knie weich und ich schwanke zwischen einem Wutausbruch und einem Tränenanfall. Warum passiert das mir, gerade jetzt, wo doch sogar das morgendliche Aufstehen manchmal ein Kraftakt, in wenigen Fällen aber sogar eine Qual ist?

Wenn sich vieles wandelt, hat der Kopf eine Menge zu denken. Dass das ab und zu Überhand gewinnt, ist in Ordnung. Dem muss man sogar nachgeben, sonst sucht es sich woanders seinen Weg heraus. Aber ins Grübeln verfallen, ohne irgendwann damit aufhören zu können, das ist nicht gut. Da gilt es dann, abzuwägen, was in dem Moment gesünder ist: Die Notbremse ziehen und sich mit etwas anderem beschäftigen – selbst wenn es Schlafen ist – oder sich noch ein paar Minuten Zeit geben, weil das Denken gerade gut tut. Hier ist sehr viel Feinsinn gefragt, auch von anderen Menschen.

Und die, die das nicht können? Die werden es lernen müssen. – Und wenn sie es nicht lernen wollen oder wirklich nicht können? Von denen wird man sich vorerst verabschieden müssen. Jemand, der mir in einer Krisenzeit sagt, ich soll mich bitte nicht anstellen… ich soll es nehmen wie es ist… der mir erzählt, dass es anderen viel schlechter geht… der die Dinge herunter spielt… oder der mir in irgendeiner Art und Weise das Gefühl gibt, ich würde simulieren oder mich selbst überbewerten… der hat an meiner Seite in dem Moment nichts zu suchen. Menschen, die das nicht verstehen, aber es immerhin akzeptieren, können aber trotzdem gern „bei mir bleiben“.

Die Zeit eines Wechsels macht keinen Spaß, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber wenn das mit den sieben Jahren zutrifft, was ist denn mit der übrigen Zeit? Hat man dann nicht, sagen wir, mindestens sechs Jahre „frei“? Hm. Sechs Jahre, um aus der Asche verbrannter Lebensplanung etwas Schönes wachsen zu lassen. Vielleicht sogar eine neue und viel bessere Lebensplanung. Sind das denn keine guten Aussichten?

Blöd, dass es allgemein heißt, der Weg sei das Ziel, wo man doch hier am liebsten sofort im Ziel wäre statt vorher den Weg zu gehen. Ganz, ganz oft habe ich keine Lust mehr auf die ganze Arbeit. Ich werde es leid, bin körperlich und geistig müde und obendrein bekomme ich immer mehr graue Haare. Was aber wirklich zählt und was mich dann doch wieder antreibt, sind die lichten Momente. Manchmal nur Sekunden, mit ganz viel Glück sogar ein ganzer Tag voll von „das fühlt sich an wie mein neues Leben“. Diese Zeit ist unbeschreiblich schön. Ich könnte heulen und lachen aus Vorfreude auf diese Zeit und will so schnell wie möglich am Ziel sein.

Es lohnt sich immer, den Wechselrhythmus anzunehmen. Wenn ich einmal sieben oder vierzehn Jahre zurück denke, dann gab es da tatsächlich jeweils einen größeren Wandel. Vor sieben Jahren wurde der Grundstein für mein jetziges Leben gelegt, über das ich sehr froh bin. Und vor vierzehn Jahren… wäre das Ereignis nicht eingetreten, würde ich eine ganze Reihe netter Menschen und sogar ein-zwei Freunde nicht kennen. (Und dieser Blogeintrag wäre nie entstanden.) Die Vergangenheit hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin, und damit bin ich richtig glücklich.

Nur wie oft sehe ich das nicht? Von zehn Momenten, in denen ich darüber nachdenke, finde ich in vielleicht fünf, dass mir alles über den Kopf wächst. Aber sind wir mal ehrlich: Das kann es doch gar nicht. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass es länger dauert.

Die Momente, die nicht schreien, weinen oder stumm sind, sollte man nutzen, um die letzten Wochen und Monate revue passieren zu lassen. Was hat sich getan, wie viel meines Weges liegt schon hinter mir? Was noch kommt, das kann ich immer sehen – mal mehr, mal weniger düster. Aber ohne es zu merken, habe ich schon sehr viel geändert.

Änderungen sind Arbeit, Änderungen sind anstrengend und Änderungen sind nicht immer auf den ersten Blick gut. Aber hinterher, wenn ich mich sozusagen in meinem neuen emotionalen Heim wohl fühle, dann weiß ich, dass es sich gelohnt hat.

Dass all die Arbeit und die Last es wert sind.
Immer wieder.

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