Dein Haus brennt nieder. Was vermisst du am meisten?

Diesen Text verfasste ich vor einigen Jahren für ein kleines Gewinnspiel. Vorgabe waren die obige Frage und eine Begrenzung auf 1.800 Zeichen. Im Projekt .txt wurde nun das Wort Habseligkeiten ausgerufen und nun ja – das passt ja wie die Faust aufs Auge!


Beim Vorbeifahren sehe ich die Feuerwehrmänner, die den Wasserstrahl genau in mein zersplittertes Wohnzimmerfenster lenken. Man muss kein Fachmann sein, um zu erkennen, dass nahezu das gesamte Stockwerk des Mehrfamilienhauses zerstört ist.

Mir schwirren mir viele Gedanken durch den Kopf. Die präsenteste: Was werde ich am meisten vermissen? Klare Antwort: meinen Computer. Tagebücher, Geschriebenes, Kontakte, Termine, E-Mails – also mein halbes Leben! Wobei, was ist mit den Kindheitsfotos? Sie waren in den Alben meiner Eltern – und auf dem Computer.

Liebesbriefe aus der Schulzeit? Die waren so alt, dass ich sie nicht einmal auf der Festplatte hatte. Die Beziehung, die daraus entwuchs, ist längst Geschichte, das ist vielleicht nicht so schlimm.

burning

Oh, meine Bücher! Mehrere Regale voll, ein Dutzend ungelesene, die Hälfte von Freunden ausgeliehen. Na, denen werde ich das wohl erklären können. Und Bücher kann man neu kaufen.

Ich finde einen Parkplatz, stelle das Auto ab und laufe eilig zu dem, was einmal meine Wohnung war. Auf dem Weg überlege ich weiter. Geld! Ich hatte noch zweihundert Euro herumliegen. Und: mein Reisepass… Während ich feststelle, dass die Klamotten an meinem Leib neuerdings die einzigen sind, die ich besitze, erreiche ich die Reste meiner ehemaligen Wohnstätte. Ich blicke den Wassermassen hinterher, die nun in das Nachbarfenster schießen und sehe die Antwort plötzlich glasklar vor meinem inneren Auge: Klaus. Ich werde Klaus am meisten vermissen!

Wie konnte ich ihn nur vergessen? Er war immer für mich da, stets einer Meinung mit mir, hatte bei Bedarf ein offenes Ohr und war im Gegensatz zu meiner restlichen Familie und meinen Freunden nie so dreist, mir den Kühlschrank leer zu fressen: Klaus, das Stofftier neben dem Kopfkissen.


Foto: Stephen Radford / stocksnap.io

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