„Machst du die kleinen Kuchen?“

Ein Teil meiner Familie kommt aus Frankreich. Nicht, dass ich deshalb besonders gut Französisch sprechen könnte, ich hatte stattdessen einfach nur die Chance, es zu lernen, habe es aber vergeigt. Dennoch: In meiner Jugendzeit haben wir ab und zu kleine private „Schüleraustausche“ gemacht.

Meine Cousins waren einmal eine Woche hier – und machten sich über unseren äußerst unsympathischen Französischlehrer lustig. „Er macht lauter Grammatikfehler!“

So kam es, dass eine Klassenkameradin und ich dann zum Austausch in Frankreich waren. Der französische Teil meiner Familie ist sehr groß. Jeden Tag gingen Menschen ein und aus, bei jeder Mahlzeit sahen wir neue Gesichter und ständig war der Tisch mit mindestens zehn Leuten besetzt. Dieser Familienzweig bewohnte damals in einem kleinen Städtchen ein ehemaliges Kloster mitsamt Kirchturm, Kapelle und Friedhof. Entsprechend groß fielen auch die übrigen Räume aus: Es gab viele Zimmer, den großen Essraum mit langem Tisch und eine große Küche.

Wir waren schon ein paar Tage da, als mein Cousin fragte, ob ich denn vielleicht die „petit gâteaux“ zubereiten könnte – die kleinen Kuchen. Er habe sie beim letzten Deutschlandbesuch von uns bekommen. Wovon redete der Mann? Es brauchte eine Weile und viele französische Erklärungsversuche, bis ich verstand, dass er Kräbbelchen von mir wollte. Kräbbelchen, auch Krapfen genannt, sind in siedendem Fett ausgebackene Hefeteigbällchen. Ziemlich fettig und ziemlich lecker.

Nun, da klar war, was er wollte, ging es an die Herstellung. Es gab noch kein Internet, also telefonierten wir nach Hause, ließen uns das Rezept diktieren und machten uns an die Übersetzung. Das war natürlich eine toller Nebeneffekt für den Schüleraustausch – Vokabeltraining!

In unserem Rezept kam ein Schuss Alkohol dazu, ich glaube Cognac. Vermutlich wäre er nicht nötig gewesen, aber wir wollten das Rezept richtig nachbacken. Mehl und Zucker waren kein Problem, aber der Alkohol stellte sich als schwierig heraus. Jemand trieb dann aber bei einem der älteren Familienmitglieder eine irgendeine Flasche auf.

Meine Klassenkameradin und ich machten uns an die Zubereitung. Wir hatten angesichts der großen Familie das Rezept verdoppelt und hantierten mit großen Schüsseln, die für uns zwar ungewohnt, in der riesigen Küchenhalle allerdings mehr als angebracht waren.

Nachdem die ersten Kräbbelchen das heiße Fett verlassen und mit Puderzucker bestäubt waren, durfte mein Cousin das Ergebnis probieren. Er verzog das Gesicht – irgendetwas stimmte nicht. Wir aßen die nächsten Kräbbelchen und stellten einen starken Alkoholgeschmack fest. Ein paar Vokabelübungen später war klar: Wir hatten einen ganz besonders intensiven Weinbrand erwischt, der uns nun den ganzen Geschmack verhagelte.

Es gab also zwei Optionen: Wir hätten den ganzen Rohteig wegwerfen können. Das wäre aber natürlich zu schade gewesen, also verdoppelten wir stattdessen die restlichen Zutaten – und nach einer Probe sogar ein drittes Mal.

Schlussendlich gab es also die sechsfache Menge an dann sehr leckeren Kräbbelchen, die wundersamerweise auch restlos verschwanden. Die Familie war glücklich, meine Klassenkameradin und ich auch. Wir hatten zwar nicht geplant, einen halben Tag lang Teig in blubberndes Fett zu tunken, aber das Ergebnis hatte sich sehen lassen können.

Und so habe ich als Jugendlicher kiloweise „petit gâteaux“ in einem ehemaligen französischen Kloster gebacken.


Foto: Oleksandr Kurchev

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