Am Abgrund [*.txt]

Heute beschäftige ich mich mit einem abgedroschenen Spruch, der auf verschiedenen Ebenen nicht nur Witz, sondern auch Wahrheit offenbart.

Gestern standen wir noch am Abgrund.
Heute sind wir einen Schritt weiter.

»Wir« sind also mit der Problemlösung voran gekommen, aber gleichzeitig in die Tiefe gefallen – das jedenfalls vermittelt die Diskrepanz zwischen »einen Schritt weiter sein« und dem Bild des Abgrunds. Im Kopf bildet sich sofort ein Knoten: ist es jetzt gut oder schlecht? Das ist der Witz.

Die Wahrheit an dem Spruch ist, dass der Schritt nach vorne – zweifelsohne immer gut – wie auch der Sturz tatsächlich beide gleichzeitig gut sein können.

Was? Ein Sturz soll gut sein? Aber ja!

Abgrund

Als Kind erzählten meine Eltern mir wieder und wieder, dass Herdplatten nach dem Benutzen so heiß sind, dass man sich daran ganz fies verbrennen kann und ich davon besser die Finger lassen solle. Aber erst, als ich eines Tages mit meinen knallroten Fingern in einem Eimer Wasser am Abendbrottisch saß und möglichst still vor mich hin litt, war ich diesen einen, entscheidenden Schritt weiter – und eben auch in den Abgrund gefallen. Seitdem fasse ich heiße Gegenstände nur noch selten mit bloßen Händen an.

Der Sturz oder Sprung von der Klippe des Unwissens hinein in das Meer der Weisheit kostet Überwindung, ist mitunter schmerzhaft und unangenehm, er bringt dafür aber einen Erkenntnisgewinn, der sich offenbar linear zur Höhe der Klippe verhält: Je tiefer der Fall, desto weiter die See.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ab und an den einen oder anderen Sprung!

Dieser Eintrag ist Teil der Aktion *.txt. Das dritte Wort lautet »abgrundtief«.
Foto: Unsplash / pixabay

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