Von Twitter zu Mastodon – ist das ein guter Wechsel?

Mann am Handy

Vor fast zehn Jahren habe ich mich bei Twitter registriert. Für mich war das Netzwerk immer ein Freizeit-Nischenprodukt neben dem völlig überladenen und unhandlichen Konkurrenten Facebook. Aber nun verdirbt mir Twitter selbst den Spaß am eigenen Service.

Warum überhaupt Twitter?

Ich mochte Twitter gerne. Es war familiär, voller Ideen und überall tummelten sich nette Menschen. Wie ein großes Wohnzimmer, in dem jeder laut umher gackerte: Man konnte gemeinsam fernsehen und sich aber auch in eine lauschige Ecke zurück ziehen und sich unterhalten. 

Nervige Accounts, allen voran gewisse Politiker, aber auch bestimmte Hashtags und Stichwörter konnte man einfach stumm schalten. So bildete ich mir mit der Zeit eine schöne und gemütliche Filterbubble. Jeder kann das Netzwerk so nutzen, wie er mag, und für mich sollte es ein Teil Nachrichten-, ein Teil Spaß- und ein Teil Kreativitätstimeline sein. Ach ja, und Flausch natürlich.

Twitters Website und ihren Smartphone-Client fand ich nie besonders ausgereift oder vernünftig bedienbar. Die Funktionen waren zwar irgendwie alle vorhanden, aber Drittanbieter machten einfach einen viel besseren Job. Mit dem Ende der chronologischen Timeline waren die firmeneigenen Produkte für mich ohnehin gestorben. Aber egal: Für keine andere App auf meinem Handy habe ich so gerne auf „Bezahlen“ gedrückt wie für Tweetbot. Vor einigen Monaten dann kam die Nachricht, dass Twitter die API-Zugänge für Drittanbieter so stark beschränken würde, dass diese einige ihrer Funktionen deaktivieren müssten.

So kam es dann auch. Tweetbot veröffentlichte wie die anderen Anbieter auch ein „Update“, das eher einem „Downgrade“ gleich kam. So kann ich jetzt nicht mehr sehen, wer ein Herzchen dagelassen hat, wer neu folgt und auch das Timeline-Streaming funktioniert nicht mehr. Ich bin zwar nie ein intensiver Nutzer gewesen, aber die Funktionen vermisse ich. 

Es fühlt sich nicht mehr gut an

Und da setzt die Krise in meinem Kopf an. Weshalb Twitter die Funktionen einschränkt, liegt auf der Hand: es geht um Geld. Die Nutzer sollen konzerneigene Produkte, also die Website und die Smartphone-App nutzen. Dort werden die Tweets aber mit Werbung versehen und nach einem kruden Algorithmus in eine verwirrende Reihenfolge gebracht.

Das entspricht nicht dem, wie ich das Netzwerk kennen gelernt habe. Das gemütliche Wohnzimmer ist verschwunden, stattdessen herrscht eine Atmosphäre wie bei Facebook: „Hier, das willst du sehen. Und dann noch diese Werbung. Und diese Info verschweigen wir dir, weil wir glauben, das ist so besser für dich.“

Das ist Bevormundung. Und das passt mir nicht. 

Ich hätte Geld für ein funktionierendes System gezahlt, genau wie vorher auch. Ich wäre dann vielleicht sogar bereit gewesen, die Twitter-App zu nutzen, trotz ihrer schlechten Umsetzung. Aber von einem Netzwerk, in das ich in meiner Freizeit und rein aus Spaß einlogge, lasse ich mir nicht vorschreiben, welche Inhalte ich zuerst zu sehen habe. 

Und so ist nun das Unvermeidliche geschehen: Ich habe die Lust an Twitter verloren. Dass gerade in den letzten Monaten meine Liste der geblockten Stichwörter und Accounts exponentiell gestiegen ist, spielt da schon fast nur noch eine Nebenrolle. 

Das ist alles sehr schade. Ich mag die Idee hinter Twitter. Man tauscht sich aus. Liest, was andere so denken und machen, sieht ihre Fotos von der Welt oder aus ihrem Garten und lässt sie auch ein Stück am eigenen Leben teilhaben. 

Und jetzt?

So stand ich also neulich da. Etwas verwundert. Zwar war die API-Abschaltung lange angekündigt worden, aber die konkreten Auswirkungen machen sich erst seit kurzer Zeit bemerkbar. 

Da hörte ich von Mastodon. Über das quelloffene Netzwerk wurde in der letzten Zeit viel geschrieben und diskutiert. Ist es eine Alternative zu Twitter – und will es überhaupt eine sein? Geradezu philosophisch ging es da schon zu. Ich habe das interessiert verfolgt und mich dann auch gleich mal dort angemeldet. 

Der Unterschied zu Twitter ist gar nicht so groß. Während kurz gesagt bei Twitter alle Nutzer bei einem „Server“ angemeldet sind – sozusagen dem Twitter-Hauptserver – kann bei Mastodon jeder einen eigenen Server betreiben. Alle Server sind miteinander verbunden. So hat niemand die „Macht“ über das gesamte Netzwerk. Lediglich die Betreiber eines Servers können damit tun, was sie möchten, das gesamte Netzwerk gehört keiner Person oder Firma.

Im Grunde funktioniert Mastodon wie das Internet selbst. Denn auch wenn der größte deutsche Internetknoten in Frankfurt komplett vom Netz gehen würde, würde das Internet weiter bestehen. So ist es mit den Servern bei Mastodon auch. Hier eine grafische Darstellung der Unterschiede.

Ist Mastodon also der Gewinner?

„Tschüss Twitter, auf zu neuen Gefilden!“ – Wie ein Siedler bin ich fast schon euphorisch zu Mastodon gewechselt. Derzeit setze ich fast keine Tweets mehr ab, sondern poste nur noch drüben bei Mastodon. Da funktioniert alles noch nicht so gut, die Smartphone-Apps sind rar und haben Fehler, auch die Website-Ansicht kann man nur als okay bezeichnen. Es gibt noch viel Luft nach oben. Aber der Erfinder der Software ist auf der Plattform sehr sichtbar, ansprechbar und hach – das Wohnzimmergefühl war plötzlich wieder da.

Bis kürzlich der erste große Skandal stattfand, den ich dort mitbekommen habe. Jemand wurde wegen irgendwelchen Äußerungen von dem Admin des Servers, auf dem er sein Profil angemeldet hatte, zum Gehen aufgefordert, um genau zu sein sogar gesperrt (hier das ganze Drama). Das Thema kochte hoch, es gab Befürworter der einen und Befürworter der anderen Partei. Ich fühlte mich plötzlich fast wie bei Twitter – nur mit chronologischer Timeline und Benachrichtigungen. Der Vorfall brachte nicht nur mich zum Nachdenken.

As Mastodon is growing, it becomes clear that many of the problems that we face in social media aren’t solved by simply replacing monolithic corporate-owned infrastructure with a decentralized one. That – it seems – was the easy part. The hard problems appear to be sociological. How do you protect an individual from an angry mob? How do you find out if the mob’s anger is justified or not? We can’t hope to answer these questions with technology.

https://chaos.social/@tauli/100638409158981308

Was kann ein soziales Netzwerk überhaupt leisten?

Wohnzimmer hin oder her: Wie lange wird es denn dabei bleiben? Wann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben? Werde ich wieder eine lange Liste mit ausgeblendeten Hashtags, Accounts und Stichwörtern erstellen müssen? Was, wenn der Betreiber „meines“ Servers sich dazu entschließt, die Lichter auszumachen? 

Zur letzten Frage schien mir eine Antwort ganz nahe: Dann mache ich eben selbst einen Server auf! (Ein Server heißt bei Mastodon übrigens „Instanz“.) Ein Blick in die Installationshinweise ließen mich aber völlig verwirrt zurück: Schon im ersten Satz einer Anleitung „für Neulinge“ kamen so viele Begriffe vor, die ich noch nie gehört hatte, dass ich die Anleitung nur überflog und feststellte: das kann ich im Leben nicht.

Also ging ich einen Schritt zurück und fragte mich: Was erwarte ich von einem sozialen Netzwerk eigentlich? Und was kann es mir bieten? 

Ein Netzwerk wird erst dann „sozial“, wenn sich viele Menschen darin versammeln. Das hat zur Folge, dass verschiedene Meinungen und Ansichten aufeinander treffen. Früher war es die Dorfkneipe, heute ist es das Internet. Nur mit vielen Menschen macht ein Netzwerk aber erst Spaß – denn all die oben genannten Vorteile treten nur ab einer geeigneten Gruppengröße auf. 

Diese Vorteile sind aber auch gleichzeitig die größten Nachteile: Wo Menschen, da früher oder später auch der Mob. Da spielt es auch keine Rolle, ob die Umzüge mit brennenden Fackeln und Mistgabeln gerechtfertigt sind oder nicht.

Neulich stand mir ein unfreiwilliger Spaziergang durch einem Park bevor und während ich ihn durchquerte, ging ich im Kopf die sozialen Netzwerke durch, die mir auf Anhieb einfielen. Twitter, Facebook, Instagram, Mastodon, Reddit. Im weitesten Sinne auch: Blogs, WhatsApp, Snapchat, Telegram, Wire, WeChat, Discord, Jodel… und dann wären da noch Foren, Bewertungsportale, Online-Shops und so weiter und so fort.

Bei keinem dieser Namen fühlte es sich auf Anhieb einfach nur gut an. Ich suchte nach meinem Wohnzimmergefühl. Reddit ist nett und zur Zerstreuung gut, aber so wuchtig – ich mag die kurzen Posts wie bei Twitter und Mastodon. Meinen Facebook-Account habe ich gelöscht und bin froh drum. Instagram? Ich esse lieber statt den Teller zu fotografieren. Was bleibt da noch?

(c) XKCD

Mastodon it is!

Und so kommt dieser Rant nun zu einem Ende: Ich bleibe vorerst bei Mastodon. Zwar bin ich einer der dort etwas verpönten Wechsler von der „birdsite“, also von Twitter. Schon nach wenigen Tagen fühle ich mich dort sehr wohl. Es geht einfach ruhiger zu, man ist auch viel netter zueinander. Dennoch hat Mastodon genau so wie Twitter das Potenzial für weitere Mobs und negative Atmosphäre. 

Es bleibt die Frage, wie sich die Admins der jeweiligen Server bzw. Instanzen sich dann positionieren. Denn sie stellen nicht nur die Verhaltensregeln in ihrer Instanz auf, es ist auch ihr Job, diese bei Bedarf durchzusetzen und zu sanktionieren. 

Ich bin sehr gespannt, wie sich das entwickelt! 


Titelfoto: LinkedIn Sales Navigator/StockSnap.io

2 Kommentare

  1. Im März 2009 trat ich Twitter bei und ich fühlte mich dort von Anfang an sehr wohl: Man kam in Kontakt, bekam Rückmeldung, die Timeline war unterhaltsam; “Wohnzimmerathmosphäre“ trifft es sehr gut. Zeitweise war ich wohl sogar ein wenig süchtig nach Sternchen, Retweets und was es alles so gab. Man traf sich sogar außerhalb des Netzes, so richtig von Angesicht zu Angesicht, auf organisierten Twitter-Treffen, und wenn man dort einen von den „Großen“ traf, mit ihm sprach, er mir am Ende gar folgte, war das etwas ganz Besonderes.

    Das ist lange vorbei. Genau aus den Gründen, die du treffend beschreibst, macht Twitter keinen Spaß mehr. Im kommenden März, zu meinem zehnjährigen Twubiläum, werde ich mein Konto löschen, so der Plan. Schon heute schreibe ich nur noch sehr selten einen Tweet, noch seltener lese ich, was andere zwitscherten.

    Mit Facebook hatte ich es nie so, mein Konto dort ist schon lange gelöscht. Zu Mastodon wechseln werde ich nicht (klingt ein bisschen wie ein Schweinezuchtmittel, finde ich). Also lese ich weiter Blogs, wie deinen, den ich immer sehr gerne lese!

    Viele Grüße
    Carsten

    1. Ach ja, die gute, alte Zeit. Ich erinnere mich auch an ein paar tolle Treffen mit Leuten, die man nur aus diesem Internet kannte. Es gab Namensschilder mit Avataren und Nutzernamen. Einmal fand auch ein kurzfristiges Treffen auf dem Drachenfels statt, das war ein tolles Event. Auch ein paar „Große“ waren dabei. Glanz und Glamour in der Rückschau, heute fühlt sich das alles eher staubig an. Schade ist das! Meinen Account löschen möchte ich aber derzeit nicht, vielleicht bin ich zu romantisch veranlagt. Dass du das machen willst, kann ich aber auch verstehen.

      Nur: Warum gibst du dem Schweinemastbetrieb nicht eine Chance? Ich glaube, du könntest dich da auch wohl fühlen. Es gibt einen kleinen Bonner Server unter https://bonn.social, du kannst natürlich auch einen anderen wählen. Wollt’s jedenfalls nicht unerwähnt lassen!

      Und das mit dem Bloggen? Manchmal denke ich, ich sollte hier auch die Türen zumachen, dann wieder habe ich ganz viel Lust drauf. Aber der Vorteil zu Twitter & Co. ist, dass man auf seinen eigenen Seiten sein eigener Chef ist. Wird es staubig, wischt man halt selbst mal feucht durch. Danke übrigens für das Kompliment, das freut mich sehr! Ich nehme deine Wochenzusammenfassungen auch schon als feste Institution wahr – gut gemacht!

      Viele Grüße
      Thomas

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