Wer redet, fliegt!

Es gibt Orte, an denen darf man sich nicht unterhalten. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz und es gilt für Fahrstühle genau so wie für Wartezimmer beim Arzt. Auch im Reisebüro würde ich mich als Wartender an dieses Gesetz halten, in der Bahn und natürlich auf der Toilette eines Restaurants. (Die Örtlichkeiten eines Tanzschuppens genießen einen Sonderstatus und fallen nicht unter diese Gesetzmäßigkeit, was natürlich dem Alkohol zu verdanken ist.)

Neulich betrat ich das Wartezimmer beim Arzt, überwand mich zu einem «guten Tag» und erntete Stille. Warum ist dieses Schweigegebot stärker als Erziehung und Anstand?

Um mich der Frage zu nähern, überlegte ich mir während des Wartens (natürlich ganz still), was all die aufgezählten Orte gemeinsam haben. In allen Situationen stecken fremde Menschen auf verhältnismäßig engem Raum zusammen. Sie wollen alle das Gleiche oder zumindest Ähnliches, aber sie fühlen sich in keiner Weise miteinander verbunden. Die Gesichter im Fahrstuhl kenne ich im Büro vom Flur, in der Tiefgarage gar nicht. Beim Arzt will ich weder meine Krankheitsgeschichte erzählen, noch eine fremde hören. Und beim Pinkeln… lassen wir das.

Entscheidend ist, ob man allein in dieser Situation ist oder nicht. Denn: Sobald man zu zweit ist, wird sich unterhalten. Manchmal dezent leise, bisweilen aber auch störend laut. (Wenn ich schon beim Arzt diese endlos langweiligen Frauenzeitschriften lesen muss, will ich dem Artikel auch wenigstens folgen können. Ach, ich vergaß, dass das der Vergangenheit angehört, ich hab ja ein Smartphone.)

Ich fasse zusammen: An Orten, an denen Fremde es eine kurze Zeit zusammen aushalten müssen, wird nicht geredet. Das Warum bin ich nun schuldig geblieben, aber darüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht wollen wir nichts von uns preisgeben, um dann aber im gleichen Moment in allen Sozialnetzwerken zu posten, dass wir wegen Schuppenflechten beim Arzt sind? Das mutet unlogisch an. Aber so sind wir Menschen eben. Liebenswert.

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