Wenn man jung ist, tut man ja Dinge, über die man sich in späteren Jahren wundert. In meiner Straße wohnte zum Beispiel jemand, der im ganzen Dorf als Raufbold bekannt war, alle größeren Streiche gingen auf seine Kappe. Hundekot in Zeitungspapier einzuwickeln und vor der Haustür der Nachbarn anzuzünden war da noch eines der kleineren Vergehen. Ob die niedergebrannte Scheune aber wirklich von ihm zu verantworten war, hat sich nie geklärt. Der Junge hatte aber auch ein großes Herz, denn er war es, der mir Fahrrad fahren beibrachte, eine Fähigkeit, um die sich meine Eltern bei mir vorher länger vergeblich bemüht hatten. Außerdem schenkte er mir ein Fahrrad, was mich im gleichen Moment zum coolsten Typ des ganzen Dörfchens erhob – so fühlte sich das zumindest an.

Streiche und kleinere oder größere Vergehen waren nie mein Ding. Wenn ich auf meine Jugend zurück blicke, fällt mir keine Tat ein, für die ich heute ein schlechtes Gewissen haben müsste. Im Kornfeld ein paar Quadratmeter niedertrampeln, dort ein Picknick veranstalten und sich fragen, wie viele Brote man jetzt gerade zerstört hat – das kann ja nicht richtig zählen. Pflaumen von den Bäumen ernten, die der Bauer, dem sie gehörten, all die Jahre zuvor nicht beachtet hatte? Wir bekamen zwar großen Ärger von ebendiesem Bauern, aber auch heute noch sehe ich keinen richtigen Grund dafür. Jugendliche Doktorspielchen gehörten seinerzeit genauso dazu wie das Ausgrenzen eines Nachbarsmädchens, nur weil sie anders war – heute würde man das Mobbing nennen.

Diese Sache mit dem Mobbing, das wäre etwas, was mir heute sehr leidtun würde, wenn ich nicht kurze Zeit später meinen Frieden mit I geschlossen hätte und wir die besten Freunde geworden wären. Als Kind ist man nicht nachtragend, sie sowieso nicht, und so sprachen wir später ganz offen darüber. Sie erzählte mir, wie unangenehm es für sie war, von mir und den anderen Kindern schlecht behandelt worden zu sein und ich entschuldigte mich ehrlich dafür. Dass dieses Erlebnis mich in meiner ganzen Schullaufbahn begleiten würde, wusste ich in dem Moment nicht, aber ich sollte mich später noch oft daran erinnern, wenn jemand anderes oder ich selbst in der Schule Ziel solches Verhaltens wurde.

I hatte nicht viele echte Freunde. Sie hatte ein sehr großes Herz, vielleicht sogar ein bisschen zu groß, so dass sie auch Gestalten anzog, die kein guter Umgang für sie waren. Ich persönlich hielt nie viel von ihren Eltern, sie schienen mir zu streng, aber mit der Zeit verstand ich, dass sie manche Entscheidungen, die Jugendliche sonst schon für sich selbst treffen können, für sie übernehmen mussten. Nachdem das meiner Familie und mir klar geworden war, passten wir auch ein bisschen auf sie auf, bei Dorffesten, Treffen oder abendlichen Spaziergängen, wir holten sie von zu Hause ab und brachten sie auch wieder zurück.

Nachdem wir Dorfkinder verstanden hatten, was sie besonders machte, war das Thema gegessen. Das, was man heutzutage als leichte geistige Behinderung bezeichnen würde, war für mich damals einfach ein Charakterzug. Und ich mochte ihn: Für mich war I einfach ein kleines bisschen durchgeknallt, hatte immer ein Ass im Ärmel und eine Idee für eine Veranstaltung in petto. So gründete sie den WAC, einen Wasser-Aktions-Club, der sich unserem kleinen Dorfbach widmen und ihn gesünder machen wollte. Mitglieder: Sie und ich. Konzept: keines. Und: Aktionen des WAC endeten immer in einem Picknick am Fluss und mit vollgelaufenen Gummistiefeln.

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Einmal entdeckten wir, wie großartig es aussah, wenn wir mit farbigen Eddings an ihre Fensterscheibe schrieben. Als die halbe Scheibe voll war, kam ihr Vater ins Zimmer und hielt uns keine Standpauke. So ernst er auch immer wirkte, es überraschte mich, dass er uns ganz ruhig erklärte, weshalb diese Stifte schlecht für das Glas seien und wir das bitte nicht machen sollten.

Mit I entdeckte ich auch die Wirkung von Pfefferspray. Ihre Eltern hatten ihr aus gutem Grund eine kleine Dose besorgt und wir fragten uns nach einem abendlichen Spaziergang beim Verabschieden, ob der Spray wirklich so schlimm sei, wie alle sagten. Also sprühte sie kurz neben uns in die Luft: nichts. Man konnte den Pfeffer gar nicht sehen. Weil das langweilig war, unterhielten wir uns noch etwas, verabschiedeten uns und gingen nach Hause, beide durch die noch herum schwebende Pfefferwolke hindurch.

I wusste genau, wie sie das Leben zu nehmen hatte. Auch wenn unsere Kochversuche allesamt desaströs endeten (Kürbissuppe in Sauerei, Käsesoße in Käseklumpen und Schokokuchen in Mikrowellengewitter), sie war und blieb ein Sonnenschein. Lachte viel, nahm die Dinge, wie sie kamen und sie war es auch, die mein schon damals ausgeprägtes Grüblergemüt oft genug wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holte.

Dennoch hatte sie es nicht leicht. Ihre Tendenz, die Welt etwas zu offen zu nehmen und einen Maßstab anzulegen, der nicht ganz zur Wirklichkeit passte, ließ sie mehr als einmal an den Menschen verzweifeln. Trotzdem oder gerade deswegen war sie eine Kämpfernatur, eine der stärksten Kämpfer, die ich je erlebt habe. Sie ließ sich nicht klein kriegen, weder von Leuten, die gemein zu ihr waren, noch von ihrer Lernschwäche in der Schule, noch von der – sicherlich schlimmen – Erkenntnis, nicht so zu sein wie die anderen.

Selbst als sie irgendwann wegen ihrer starken Rückenschmerzen ins Krankenhaus kam, war sie diejenige, die ihre Freunde und Familie aufmunterte. Ein Sonnenschein, das sagte auch das Krankenhauspersonal. Während ich mit einem neuen Lebensabschnitt, dem Auszug von zu Hause, beschäftigt war, kämpfte sie in der wichtigsten aller Schlachten um alles. Mit der Zeit fielen ihr die Haare aus, anschließend färbte sich ihre Haut braun. Ich begann bei meinen Besuchen, so etwas wie Zweifel in ihrem Gesicht zu erkennen. Sie wurde ruhiger, lächelte noch und freute sich, aber ich konnte zusehen, wie sie mit jeder neuen Infusion ein Stück ihres Selbst verließ. Eines Tages dann krümmte sie sich im Bett stöhnend vor Schmerzen, weil man ihr ins Rückenmark hatte stechen müssen. Ich glaube, das war der Moment, der sie brach. Es passierte erst jetzt. Vorher nicht.

Die Zeit mit ihr war großartig. Sie war eine gute Lehrerin, ohne es zu wissen. Und wenn ich heute die alten Unterlagen durchsehe und eine Bleistift-Notiz von ihr finde, auf der sie schreibt, dass wir für immer Freunde sein werden, dann denke ich an die Jahre zurück, die wir im Sommer den sinnlosen Wasser-Aktions-Club betrieben und im Winter Schlittschuh laufen waren. Ich denke daran, wie wir uns als etwas ältere Jugendliche mit 30 Likören zum Quatschen auf einen Baum verzogen und später vollkommen betrunken nach Hause torkelten. Und ich frage mich eins ums andere Mal, wie jemand, der solche riesigen Steine in den Lebensweg geworfen bekommt, trotzdem eine so starke Lebensfreude an den Tag legen kann.

Liebe I, wir haben uns damals verabschiedet, doch ich konnte dir nicht sagen, wie wichtig du für mich warst, weil ich nicht vor dir weinen wollte. Aber wenn ich heute vor einem Problem sitze und denke, es bedeutet das Ende der Welt, denke ich manchmal an dich. Dann stehst du wieder vor mir, so wie du es immer gemacht hast, sagst den Satz, den du dann immer gesagt hast und holst mich zurück auf den Teppich.

Danke.

Foto: Andre_Rau / pixabay